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Dr. Falkner’s gesammelte Schriften. Vierter Band. Erzählungen. Vierter Theil. Leipzig, 1859
„Die Vormünder“
Historische Erzählung a. d. 15. Jahrhundert.
Seiten 1 bis 144, (PDF Seite 8 bis 151).
Anmerkung Marktgemeinde, Andreas Bohnec, 27.6.2024:
In der Geschichte geht es um eine Frau, in die sich Bürgermeister Conrad Vorlauff verliebt. Sie erkrankt und stimmt der Verlobung zu, wird entführt und auf die Veste Kogel gebracht. Jahr: 406 bis 1408. Die schon bekannte Entführung des Bürgermeisters und das Komplott der hingerichteten Handwerker werden ebenfalls beschrieben. Alles im Zusammenhang mit der Veste/Schloss Kogel.
Der Inhalt gleicht mehr einem Roman- Inwiefern der Inhalt mit den tatsächlichen Geschehnissen übereinstimmt, kann nicht gesagt werden.
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Veste Kogel auf den Seiten 80, 82, 90, 92, 93, 95, 96, 109, 110, 112, 114, 115, 120, 124, 126, 127.
[Beginn Seite 79 unten.]
In anderer Richtung über's Schöff, (das heutige Mariahilf) hinaus floh aber ein Reiter, mehrere Knechte im Gefolge, eine vor Schrecken und Frost ohnmächtige Frauengestalt vor sich im Sattel haltend, so eilig, als es die stellenweise fast undurchdringlichen, vom Sturme zusammengewehten Schneemassen nur erlaubten. Und erst nach einem höchst anstrengenden Ritte von mehren Stunden, öffneten sich der vor Kälte erstarrten Schaar die gastlichen Räume der dem edlen Ritter Sebekh, des Neudecker's Freunde und Genossen, angehörigen Veste Kogel, zwischen Gablitz und Sieghartskirchen, deren Ruinen heut zu Tage nur mit Mühe mehr zu entdecken sind. –
Herrn Vorlauff's tiefe Befümmerniß über diesen neuen, empfindlichen Schlag seines feindlichen Geschickes vermochte das am nächsten Morgen ihm durch einen seiner Leute übergebene, von unbekannter Hand an ihn gelangte Schreiben nur wenig zu lindern.
In zierlichen, leicht lesbaren Zügen bot es folgenden Inhalt:
,,Ich war Zeuge sowohl des Entwurfes, als auch der Ausführung jener schändlichen That, die Euer Herz mit schwerer Betrübniß erfüllen muß. Trozdem ich Euch in dieser Sache gleich gerne gedient hätte, war ich, der Einzelne, doch dessen nicht fähig. Ich begnüge mich daher, Euch bekannt zu geben, daß das Mädchen, dessen Schicksal Euch so nahe geht, von Herrn Hanns dem Neudecker, dem unwürdigen Sohne jenes, Eurer Partei so treu und edelmüthig anhängenden, würdigen Greises, gewaltsam entführt und nach des Sebekh's Veste: Kogel gebracht worden sei. Für einstweilen mag sie sonder Zweifel eine gute Behandlung daselbst zu erfahren haben, denn der Junker liebt sie, und ihr wird die Liebe zu Euch sicherlich die hinreichende Kraft geben, auch an diesem Orte Eurer würdig zu verbleiben. Die Brandlegung und der schmerzhafte Tod der armen Barbara sind nicht so eigentlich des Junkers Werk, als vielmehr eines seiner Helfershelfer, und zwar Eures erbittertsten Feindes, dessen Schale ohnedieß bald voll sein wird. Vielleicht wird es mir vergönnt sein, Euch in der Folge, was Elsbeth's Befreiung betrifft, dienen zu können, ich rechne sogar darauf. Für jetzt kann aber nicht davon die Rede sein, da ich mich nicht von hier entfernen darf, weil Ihr, ohne daß Ihr es wißt, meiner in Eurer Nähe nur zu sehr bedürft. Bald indeß kommt die Zeit, wo sich die Umstände anders gestalten werden, und dann rechnet auch dort auf den Beistand Eures, Euch bis in den Tod getreuen und ergebenen Freundes!"
8.
In seinem Hause auf dem alten Kienmarkte saß am nächsten Morgen, den Kopf kummervoll in die Hand gestützt, Wien's hochgesinnter Bürgermeister in seinem Arbeitsgemache. Wichtige Papiere lagen vor ihm auf dem Tische ausgebreitet, in die er zwar gedankenvoll, aber sichtlich mit einem anderen Gegenstand beschäftigt, hineinstarrte. Aus seinem Nachsinnen sich jedoch gewaltsam aufraffend, bemühte er sich, den durch nächtliche Anstrengung und tiefes Herzeleid krankhaft erregten und zugleich auch wieder abgespannten Geist zu neuer Thätigkeit, zu neuer, rücksichtsloser Anstrengung zu zwingen. Aber umsonst; vermochte er es doch nicht, für den Augenblick die düsteren Bilder zu bannen, die seine starke Seele gefesselt hielten, vermochte er es doch nicht, den Menschen zu verleugnen, der, wenn auch zehnmal Staatsmann und Bürger, demungeachtet die zartesten und süßesten Empfindungen seines Herzens nie vollends ertödten, und aufhören kann, für Das zu fühlen, was ihm so überaus theuer ist. –
Wie er, eine Beute des herbsten Schmerzes, so da saß, ja selbst eine Thräne ihm im Auge glänzte, ohne daß sein Mund Worte der Klage oder des Unmuthes laut werden ließ, that sich die Thüre, der er den Rücken zugewandt hatte, auf und trat mit leisen Schritten ein kleiner, untersetzter Mann herein, mit einem jener offenen, freundlichen Gesichter, zu denen man sich gewöhnlich im ersten Augenblicke schon mächtig hingezogen fühlt. Es war der reiche Rathsherr Hanns der Rockh, des Vorlauff wahrster, innigster Freund.
Mit bekümmertem Ausdrucke, denn er war wohl unterrichtet von dem harten Schlage, der Vorlauff's Herz neuerdings getroffen, näherte er sich ihm, ohne daß der Andere seine Gegenwart ahnte. Gerührt auf ihn niederblickend, legte er mit den tief empfundenen Worten: „Mein armer Konrad, mein beflagenswerther Freund!" die Hand sanft auf des verehrten Mannes Schulter.
Da fuhr Herr Vorlauff hastig aus seinen Träumen empor, ergriff die ihm gebotene Freundeshand mit Wärme, schüttelte sie, strich sich mit der Anderen über die Augen und entgegnete mit gepreßtem, kummervollem Ausdrucke: „Ja wohl, arm und beklagenswerth!“ –
,,Und ist denn gar nichts zu thun," erwiderte Jener, „das Mädchen aus des Burschen Klauen zu befreien? Solch‘ empörende Gewaltthat — solch' himmelschreiend, schändliches Gebahren – es bliebe ungeahndet, straflos? Man könnte ja immerhin –"
,,Ihn zur Herausgabe seines Raubes zwingen?" fiel ihm Herr Vorlauff schmerzlich lächelnd in die Rede. „Mein guter Hanns, aus Liebe zu mir vergissest Du Dich und mich und auch die Dinge neben uns! Soll ich die Stadt aufbieten, die Kraft der Bürgerschaft, mein Liebchen zu befreien? Wie, oder soll ich Wien's gesammte Söldnermacht zusammenraffen, einen Kriegszug gegen Kogel zu unternehmen, die Buben zur Auslieferung der Geraubten zu bewegen? Und alles Dieses, weil ich Bürgermeister bin? Beklage mich in Deinem Herzen, guter Hanns, daß ich nicht einmal thun kann für sie, was selbst der Aermste könnte: mein Leben auf das Spiel zu setzen, sie zu befreien, oder in dem Wagniß meinen Tod zu finden! Ich bin nicht mein, nicht meines Lebens Herr; nicht mir, der Stadt gehör' ich an; mein Kopf, mein Arm, sie sind ihr Eigenthum, ob mir das Herz drum auch verbluten möchte! Beklage mich – bin ich doch ärmer als der Aermste, – der Hülfloseste von Allen!"
Erschüttert und schweigend stand der Andere ihm zur Seite.
„Ich kann Nichts für sie thun," fuhr Herr Vorlauff mit gleichem Ausdrucke fort,,,als sie des Höchsten Schutze empfehlen, sie, die mir Alles ist! Mehr kann ich nicht! Gold fruchtet nichts in diesem Streit, - ob ich gleich bot, was ich vermag. Er ist hinaus, den ich deshalb gesandt, - doch kehrt er sicher ohne Frucht und Trost zurück! “ –
,,Doch, doch," erwiderte Rockh, „wer weiß, was noch geschieht? Der Alte, der Neudeck, der Biedermann, ich sprach ihn eben, er wußte nichts von seines Sohnes Bubenstück - er wird gleich hier sein, - vielleicht, daß er –
„Was vermag der brave Vater, der Redliche, über den bösen, ungerathenen Sohn? Erlitt sein Herz nicht manche tiefe Wunde, geschlagen von der Hand des Unglückseligen, der seines Vaters Haupt nicht achtet, noch der Ehre seines Hauses wahret? - Er kann nicht helfen!" –
„Verzage darum nicht - wer sich selbst verläßt, der ist von aller Welt verlassen!"
„Genug," rief Herr Vorlauff, rasch abbrechend', mit seiner gewohnten Entschlossenheit und Selbstbeherrschung, „genug davon! - Was hast Du weiter zu berichten? - Fiel sonst nichts vor, - kein neuer Frevel, feine neue Ungebühr?" – „Nicht, daß ich wüßte –“
[Hier endet Seite 83, Fortsetzung Seite 89 unten.]
[Wolfgangs Haß gegen Vorlauff und den Rath; nützt die Wuth des Pöbels;
große Waffenvorräthe;]
Und so klug war jedes der Mitglieder benützt und an den ihm passenden Ort gestellt worden, daß auch das einzige weibliche Wesen, das Zeuge jener Verhandlungen gewesen war, nicht leer ausging und seinen nicht unwichtigen Antheil an der Förderung des Ganzen erhalten hatte. Denn da keiner der Männer zu entbehren war, jedem die ihm angewiesene Stelle einzunehmen oblag, so hatte Wolfgang, da sie das ganze Project bis in's kleinste Detail kannte, die verständige und kecke Gundel dazu auserwählt, die letzten und wichtigsten Nachrichten nach der den Aufrührern so wichtigen Feste Kogel zu überbringen, wo viele und mächtige Theilnehmer und Genossen ihrer Bestrebung versammelt waren, um von dortaus im entsprechenden Sinne zu ihren Gunsten zu handeln. Vor wenigen Stunden erst, hatte die Dirne, gehüllt in die Schatten der Nacht, ihre Wanderschaft nach diesem Ziele angetreten.
Ueber der bedrängten Stadt im allgemeinen, wie noch besonders über dem Hause manches fleißigen Bürgers und braven Unterthans, dessen reiche, sauer erworbene Habe die Gier des Janhagels anzureizen, vermögend gewesen war, schwebte demnach in jener Nacht das Verderben in seiner gräßlichsten Gestalt. Ueber Allen hing die Wolke, die Tod und Unheil in ihrem Schooße barg und am nächsten Morgen, Alles niederschmetternd, sich entladen haben würde, hätte nicht über dem arglos schlummernden Wien sein milder Schutzgeist treu gewacht. Wie bei vielen Gelegenheiten in älterer wie in neuerer Zeit seine Hand zum Schutz und Schirm darüber haltend, und über seine geliebten Fürsten, steuerte er dem unabwendbar scheinenden, wie allmächtig heranschreitenden Verderben auch in diesem Falle, es mit kräftigem Fuße in den Staub tretend.
Und auch jetzt hatte er sich, wie sanft, des würdigsten Mannes bedient zur Rettung Aller.
Kurz bevor die ganze Bande aufbrechen wollte, auf daß sich Jeder an den ihm angewiesenen Platz begebe, ward es plötzlich laut vor der Spelunke. Stampfen und Wiehern von Rossen, Klirren von Waffen, verworrenes Gesumme von Männerstimmen drang von Außen in das Innere der gedrängt vollen Stube. Da bemächtigten sich Beben und Zähnklappern des Regiments im Kreise der ertappten Verbrecher, da überzog fahle Blässe jedes Antlig, und durchrieselten Todesschauer und Schrecken jede Ader, jeden Nerv ihrer, dem Henker verfallenen Leiber. Wir sind verrathen, wir sind verloren!" ertönte es von allen Seiten, da an ein Entrinnen nicht zu denken war. Die Einen weinten in den Staub gezogen von ihrer Feigheit und Muthlosigkeit, während die Anderen um Rettung, nur für dieses Mal, zu Gott beteten, das musterhafteste und frömmste Leben für die Zukunft gelobend, und nur einige Wenige, nachdem sie den ersten Schreck bemeistert, über das Mißlingen des schön angelegten Planes fluchten und tobten. Doch währte alles dieses nur durch wenige Momente, da alsbald Thüre und Thor dem wüthenden Andrange der außen Stehenden erlagen, und diese nun den vollen Anblick dessen genossen, was sie zu sehen erwartet hatten. Eben so schnell war auch die ganze Horde der Verräther, die sich auf ungefähr dreißig Individuen belief, entwaffnet und, da der Schreckenste wie Lämmer wehrlos und des Widerstandes unfähig gemacht hatte, gefesselt und gebunden, ohne daß nur ein Tropfen Blutes geflossen, nur ein Mann verwundet worden wäre. Und als die Mitternachtsstunde von den Thürmen ertönte und das alte Jahr scheidend dem neuen die Vollendung des großen Werkes, das in den letzten Augenblicken seines Wirkens noch begonnen, überließ, wogte der gewaltige Zug unter Herrn Vorlauff's Führung bei Fackelschein zurück nach der Stadt, der strengen, unerbittlichen Gerechtigkeit ihren Lauf zu lassen.
9.
Eine halbe Stunde südlich von dem, an der Poststraße nach Linz, außerhalb Purkersdorf und Gablitz, zwischen Wien und St. Pölten inmitten gelegenem Markte Sieghartskirchen, erhob sich auf dem hart an den Ort Kogel grenzenden Kogelberge damals das Schloß gleiches Namens. Diese Feste, obgleich einst großen und weitläufigen Umfanges, ist jetzt ein bloßer Steinhaufen. Bald wird jede Spur von ihr von der Erde vertilgt, ja und in Kurzem selber der Platz nicht mehr zu erkennen sein, auf welchem sie gestanden, da die Bewohner des erwähnten Dorfes die Steine zu ihren eigenen Baulichkeiten daselbst zu holen pflegen.
Dieser war also der Ort, wo des Neudecker's Bundesfreund und Genosse, der Ritter von Sebekh haus'te und wo die unglückliche Elsbeth nach ihrer Entführung durch Ersteren, wenn auch vor Beleidigung geschützt, doch nur unfreiwillige Unterkunft gefunden hatte. Elsbeth's kränkliches, abgehärmtes Aussehen, welches bei ihrem Eintreffen auf dem Schlosse dem Neudecker die beißendsten Spott- und Stachelreden betreffs seines Geschmackes eingebracht hatte, machte es ihr allein möglich, daß sie unbeachtet und unangefochten und mit Ausnahme der Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit ihrer Willkür überlassen in stiller Zurückgezogenheit daselbst leben konnte und, wären die Besuche des Junkers nicht gewesen, von Niemandem weiter beirrt und angefochten wurde. Sonst würde sich ihre Lage sicher anders gestaltet haben, da sie außer einer alten Magd, die ihr zur Bedienung beigegeben war und die noch außerdem die Küche des Ritters zu besorgen hatte, als das einzige weibliche Wesen auf dem Schlosse athmete. Und zwar um so gewisser in einer Zeit, wo dasselbe von Gästen und Knechten wimmelte, da Kogel der Ort des Stelldicheins für die umwohnenden Adeligen war, untereinander Rathes zu pflegen und, wenn die geeignete Stunde geschlagen, von hier aus unterschiedliche gemeinsame Unternehmungen zu Gunsten ihrer Partei in Ausführung zu bringen.
Aber selbst des Neudecker's Besuche belästigten Elsbeth nicht zu häufig, da er sich für einstweilen damit zu begnügen schien, sie den Händen Dessen, dem er ihren Besitz nicht gönnte, entrissen zu haben. Uebrigens mochte er auch die Wiederkehr ihrer früheren Gesundheit und das nicht ohne Wahrscheinlichkeit davon abhängige erneute Erblühen ihrer Reize abzuwarten gewillt sein, bevor er ihr mit weiteren, zudringlicheren Bewerbungen zu nahen unternahm. Freilich ließ er hierbei den Umstand nur zu sehr außer Augen, daß die zahllosen Thränen, die das beklagenswerthe Mädchen vergoß, aus Schmerz über den grausamen Mord ihrer geliebten Mutter, wie über den Verlust ihrer Freiheit und die bange Sorge vor frecher Ungebühr und frevelhafter Gewaltthat, welche fortwährend schwer lastend ihren Busen beengte, nicht eben viel hiezu beitragen konnten, ihrer großen Abneigung gegen den Junker, den sie, so sehr sie ihn einstens geliebt, eben so glühend dem jüngst Verübten zufolge nun haßte, nicht zu gedenken.
Nicht minder qualvoll und beunruhigend mußte für Elsbeth aber ohne Zweifel der Umstand sein, daß ihr jede Gelegenheit, Nachricht von Wien zu erhalten, völlig genommen und sie demnach in der schrecklichsten Ungewißheit über das Schicksal des Mannes zu leben gezwungen war, den sie unter allen auf Erden am meisten achtete und liebte. Und zwar aus dem doppelten Grunde, da erstlich niemand auf Kogel lebte, der ihr in dieser Hinsicht freundlich gesinnt gewesen wäre, andererseits die Argusblicke der Alten wie ihrer übrigen Umgebung jeder derartigen Bestrebung unübersteigliche Schranken entgegengesett hätten.
So war nun schon ein Monat verstrichen, ohne daß Elsbeth die Schwelle ihres Kämmerleins, wohin sich höchstens der Wiederhall der lärmenden Gelage der Ritter in den unteren Gemächern des Schlosses verlor, überschritten hatte.
Zwar war ihr der Fernblick in die zwar schöne, aber doch unendlich einförmige Winterlandschaft, welche sich vor ihren Augen ausbreitete durch die engvergitterten Fensterlein ihres Kerkers gestattet, was mochte ihr dieser aber frommen in ihrer Lage, ward sie doch niemals vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht daselbst eines lebenden Wesens ansichtig, das ihr Trost und Erheiterung in den Stunden ihrer Prüfung gebracht hätte. Da war es freilich nicht zu wundern, daß ihre Thränen reichlich flossen und ihre Wänglein nicht röther wurden, indem es außerdem sogar nicht an Reue und Gewissensbissen fehlte in Erinnerung der Worte, die sie letzthin sprach als Antwort auf Herrn Vorlauff's so redlich gemeinten Antrag, da sie nach ihrer jetzigen ruhigeren Ueberlegung und Meinung dieselben nimmermehr hätte sprechen sollen.
Von allem und jedem Verkehre mit der Außenwelt abgesperrt, erfuhr sie auch nichts von des Letzteren zum Behufe ihrer Befreiung dem Neudecker gebotenen höchst annehmbaren Bedingungen, welche, hätten der Herr des Schlosses und die Uebrigen zu entscheiden gehabt, sicherlich nicht zurückgewiesen worden wären, indem sie Alle sich glücklich geschätzt hätten, die grämliche Dirne auf so vortheilhafte Weise los zu werden. Ingleichen, daß der Junker alle diese Anträge mit Wuth und Verachtung von sich gewiesen, wie er den Befehlen und Aufforderungen seines schwer beleidigten Vaters, dessen Verzeihung er unzähliger anderer Ursachen willen höchst unwürdig war, mit Sport und Hohn begegnete.
So war die für die "Unzertrennlichen" und ihren Anhang in Wien so verhängnißvolle Sylvesternacht des Jahres 1407 herangekommen.
In den unteren Gemächern des Schlosses ging es toll und lärmend her, denn da war volle und glänzende Versammlung, während in dem oberen Stockwerke die arme Elsbeth in stiller Einsamkeit im brünstigsten Gebete auf ihren Knieen lag, zu Gott um ihre Freiheit flehend, aber nicht um Herrn Vorlauff's Hausfrau zu werden, sondern um im Staube vor dem würdigen Manne diesem zu gestehen und abzubitten, was sie verbrochen, und darauf hinter heiligen Mauern, in strenger Regel, unter Reue und Gebet die Schuld zu fühnen, die auf ihrem Herzen so schwer lastete.
Unten ging indessen der Becher fleißig in der Runde und wurde an reichbesezter Tafel viel und mit Nachdruck verhandelt über die Geschichte des Augenblicks und der nächsten Zukunft, besonders aber den Enderfolg des für den kommenden Tag, den ersten des Jahres 1408, bestimmten Losschlagens ihrer Wiener Freunde gegen den Rath, den Adel und die Reichen.
Mitternacht war nicht mehr fern und Mancher des Weines übervoll längst schwer benebelt auf sein Lager gesunken, als nach dem anstrengendsten und beschwerlichsten Ritte von mehreren Stunden die so kräftige Gundel von Frost erstarret und völlig erschöpft auf Kogel anlangte.
Nachdem man dem Herrn des Schlosses ihre Ankunft und deren Zweck gemeldet hatte, wurde sie, wie sie sich nur einigermaßen erholt, sogleich nach dem Versammlungssaale der Ritter geführt, wo man ihre Berichte mit einem so lauten und einstimmigen Jubel aufnahm, daß selbst die trunkenen Schläfer darüber aus ihrer Betäubung aufschreckten. Der Eindruck, den die kräftige und jugendfrische Erscheinung der Dirne auf die durch Wein und reichliche Genüsse aufgeregten Zecher ausübte, war himmelweit verschieden von dem, den die todesmatte und hinfällige Elsbeth bei ihrer Ankunft hervorgebracht hatte. Denn nicht ein Arm nur schlang sich zudringlich um ihre Hüften, und nicht nur einer der Versammelten suchte sich ihr aufzudringen als Ritter und Beschüßer gestachelt von geilem Kitzel und eitler Sinnenluft. Gundel verwahrte sich aber mit Leichtigkeit gegen jede Annäherung solcher Art und sah sich in diesem Bestreben kräftig unterstützt von Herrn Stephan Sebekh, der ganz erfüllt von den empfangenen Nachrichten die leicht Erregten mit Derbheit zur Ruhe verwies, da es jezt wichtigere Dinge zu verhandeln galt, als schnödes Minnespiel und unzeitige Tändelei.
Auf seinen Befehl wurde der Dirne hart an Elsbeth's Kämmerlein ein Schlafgemach angewiesen, um dort Ruhe und Erholung zu finden.
Nachdem die Ritter die Aufgabe des morgigen Tages noch reiflich besprochen, dann aber, um doch wenige Stunden der Ruhe zu pflegen, sich auf ihr Lager hingestreckt hatten, war allmählich die Nacht vergangen, als kurz nach Sonnenaufgang, wie schon Alles zum Aufbruch vorbereitet stand, ein Reiter auf schaumbedecktem Rosse im sausenden Galoppe die Straße entlang von Wien her auf das Schloß zusprengte und die bei weitem minder willkommene Nachricht brachte, daß die Wachsamkeit des Bürgermeisters Vorlauff das Complot bei Zeiten noch entdeckt, die Häupter desselben in sicheren Gewahrsam gebracht und die ganze Unternehmung solchergestalt scheitern gemacht habe.
So groß die Freude war, welche früher Gundel's Botschaft allerseits verbreitet hatte, so groß war die Wuth, die sich jetzt Aller bemächtigte, und es war auch nicht Einer in der Versammlung, der dem biederen Bürgermeister nicht neuerdings Verderben und Rache hiefür geschworen hätte. Es erübrigte nichts weiter, als jede Unternehmung einstweilen ruhen zu lassen und abzuwarten, wie sich die Dinge weiterhin gestalten würden.
Ingleichen gestattete auch der Burgherr, der über diesen Vorfall sich trostlos zeigenden Gundel, welche es nicht wagte, nach Wien zurückzukehren, da sie selber in das Complot verflochten gewesen, auf Kogel zu bleiben, um vor der Hand, daselbst Schuß und Zuflucht zu finden. Andrerseits war ihm wie noch mehr Herrn Neudeck ihre Anwesenheit erwünscht, da er der schlauen, verschlagenen Dirne Elsbeth's Wartung und Pflege weit zweckmäßiger als jener Alten übergeben konnte. –
[Hier endet Seite 97 oben, Fortsetzung Seite 108 oben.]
Um das bei dieser Gelegenheit Versäumte wo möglich nachzuholen und den schon ganz nahe drohenden erneuten Ausbruch des Bürgerkrieges abzuwenden, lud Herzog Leopold die Deputationen der Stände und sämmtlicher Städte zu einer neuen Tagsagung nach St. Pölten. Der hierzu bestimmte Tag war der nächstfolgende Palmsonntag. Auch an die Stadt Wien war dieselbe Einladung nebst der Zusage sicheren Geleites für die Abgeordneten ergangen.
Obgleich Herr Vorlauff wie seine Freunde, die eben nicht liebreiche Gesinnung, die der Herzog gegen sie hegte, kannte, so war doch die in Rede stehende Angelegenheit eine zu wichtige und einflußreiche auf das Wohl des Landes wie der Stadt, als daß man das eigene in den Vordergrund stellend den entmuthigenden Einflüsterungen einer warnenden Stimme das große Wort hätte gönnen dürfen. Und zudem war ja die geleistete Zusage des Herzogs Bürge für die Sicherheit und Unverletzlichkeit der Kommenden. Es wurde also nur die Wichtigkeit der Sache erwogen und sofort zur Wahl der Mitglieder der Deputation geschritten, an deren Spize Herr Konrad Vorlauff als Bürgermeister sich selber stellte, die Anderen durch sein Beispiel ermuthigend und aneifernd. Als Resultat solch' edlen und unerschrockenen Handelns, das auch die Uebrigen als Richtschnur des eigenen erwählt hatten, sah man kurz darauf zur bestimmten Frist die wackere Schaar mit zahlreicher, wohlbewaffneter Begleitung die Stadt verlassen und dem Ziele getreuer Pflichterfüllung entgegeneilen.
Den geliebten Bürgermeister geleiteten auf diesem Zuge sieben Herren des inneren Rathes: Rudoph Angerfelder, Peters des Stadtrichters Bruder, ferner Hanns Rockh, Vorlauff's Liebling und allezeit Getreuer, Stephan Poll, Friedrich Dorfner, Wolfhard Schädnitzer, Niklas Flußhard, ein reicher und schöner Mann, fast noch in jugendlicher Blüthe, und Niklas unterm Himmel.
Auf Schloß Kogel hatte sich seither im Allgemeinen Nichts, im Einzelnen aber doch Manches geändert. Die Zusammenkünfte der Landedelleute und adeligen Räuber aus der Umgegend hatten wie früher fort bestanden, ohne daß eine weitere Folge derselben an's Licht des Tages getreten wäre. Um so größere Veränderungen hatten sich hingegen an Elsbeth's Person und in ihrem Thun und Treiben ergeben.
Seit Gundel's Anwesenheit auf Kogel, und zwar bald nach ihrem Erscheinen, hatten diese Veränderungen in Elsbeth's ganzem Wesen sich bemerkbar zu machen begonnen und waren bis jetzt in erfreulicher Weise vorwärts geschritten, denn sie erholte sich zusehends, verlor nach und nach das bleiche kränkliche Aussehen von früher und näherte sich, wenn auch nur allmählich jenem Zustande in den Tagen ihrer ungetrübten Gesundheit. Und nicht minderes galt von ihrem Gemüthsleben, indem ihre Thränen versiegten, ihre Laune weit aufgeräumter und heiterer wurde und sie sich um beträchtliches leichter und besser in ihr Schicksal zu fügen schien als bisher.
Herrn Hans von Neudeck, der der Einzige von Allen sich um Elsbeth kümmerte, war diese Veränderung längst aufgefallen, die er dem heilsamen Einflusse Gundel's zuschrieb, die Stunde preisend, die sie hieher geführt. Auch Herr Sebekh wie die andern waren weit entfernt, etwas Auffallendes oder Verdachterregendes in dieser Sache zu sehen, da von der natürlichsten Seite aus betrachtet Gundel's heitere, ewig fröhliche Gemüthsstimmung vollkommen geeignet erschien, auf Elsbeth in solcher Weise einzuwirken.
Gundel lebte aber nicht gleich Elsbeth als Gefangene auf dem Schlosse, vielmehr verließ sie dasselbe auf Stunden, ja selbst auf längere Zeit, wenn sie solches irgend einer Ursache willen für nöthig erachtete. Nie hatte man ihr die Freiheit, nach Willkühr zu kommen oder zu gehen, entzogen, da man ihrer Treue und Verläßlichkeit mehr als gewiß war.
Herr Sebekh selber hatte sie bei mehrfacher Gelegenheit der Kundschaft willen gegen Wien oder mit wichtigen Aufträgen nach den Schlössern seiner nahewohnenden Freunde gesandt und immer zu seiner vollsten Zufriedenheit, da sie sich bei solchen Anlässen stets als eine kluge, verständige und treue Dirne bewies.
Und so geschah es denn auch eines Morgens, am vorhergehenden Abende hatte eine große Versammlung auf Kogel statt gefunden, daß die Dirne nach dem Gemache des Burgherrn gerufen wurde.
Diesem Rufe Folge leistend erschien sie daselbst. Herr Stephan Sebekh saß bei ihrem Eintritte brummend und äußerst mißgelaunt, nichtsdestoweniger aber höchst eifrig mit seinem Morgenimbisse beschäftigt, an einem Tischchen im seitlichen Erker der Stube, indeß der Neudecker in ähnlicher Verfassung und zorngerötheten Angesichts, wie nach eben geführtem heftigen Streite, mit hastigen Schritten die Diele entlang schritt. Bei ihrem Erscheinen verstummten Beide wie auf ein gegebenes Zeichen und sie fragte nach des Ritters Befehle.
„Gundel!" begann dieser nachdem er neuerdings einen umfangsreichen Bissen hinabgewürgt. „Es bereiten sich wichtige Dinge vor. Dinge die Dich selber gar nahe angehen. Dem Spürhund drinnen, dem Vorlauff, soll's an die Kehle gehen, wenn ihn seine Nase nicht wie früher auf die beffere Fährte leitet."
Erröthend, nach Herrn Sebekh's Meinung aus, Freude und Ueberraschung, bat sich Gundel nähere Erklärung aus. Dieser, ihrem Verlangen willfahrend, eröffnete ihr bereitwillig, wie am nächsten Sonntage zu St. Pölten eine große Verhandlung des Herzogs mit den Abgeordneten der Stände und Städte des Landes stattfinden werde, zu welcher die Stadt Wien eben den Vorlauff nebst noch sieben Anderen zu senden gedenke, nachdem ihnen der Herzog sicheres Geleite zugesichert. Sei man aber gleich Willens, diese Herren auf ihrer Hinreise, in keinerlei Weise zu stören, so gelte dasselbe doch nicht in gleichen Grade von ihrer Heimkehr, indem es unverzeihlich wäre, eine so günstige Gelegenheit zu versäumen, erstlich wegen vieler erlittener Unbilden das Recht der Wiedervergeltung an ihnen zu üben, und überdieß manche aus ihrer Gefangennehmung ersprießende Vortheile zu genießen — und beständen diese auch in nichts weiter als einem ansehnlichen Lösegelde für jeden Einzelnen.
Auf Gundel's Zwischenfrage, wie sich denn ein solches Vergehen mit des Herzogs Worte, das diesen Männern freies Geleite verbürgte, vertragen dürfte und ob Herr Sebekh, und die Anderen in ähnlicher Weise nicht schwere Verantwortung auf sich lüden, erwiderte der Letztere, dem Neudecker von der Seite mit argliftiger Miene zunickend: „Ei Närrchen, wie kann davon die Rede sein? Lud sie Leopold doch nur ein zum Kommen, und bot ihnen frei Geleite, wer sprach von der Heimreise? Das hätten Die von Wien, früher und wie sie sonst pflegen, reiflicher bedenken sollen! - Doch," fügte er rasch abbrechend hinzu, „ zur Sache! Ich rief Dich nicht, Dir dieß bekannt zu machen, auf daß Du Freude fühlen mögest in Deinem Herzen, die ich Dir wohl gönne - ich rief Dich, weil ich Dein bedarf und weil ich Dich kenne und Dir vertraue. Einen Auftrag gilt's, der Keinem meiner Leute taugt, die auch nichts ahnen von dem Unternehmen und nichts ahnen sollen. Stehenden Fußes sollst Du hin zu dem auf dem Kreuzenstein, dann auch zum Feuerschütz, zum Muscharat und ihnen Kunde bringen von dem, was wir bereiten, wie auch, daß ich sie entbiete, zulängst von heut' am zweiten Abende mit ihren Leuten hier auf Kogel einzutreffen. Fünf sollen Dich begleiten von meinen Tapfersten und jedes Haar auf Deinem Haupte Dir bewahren. Sorge aber, daß Keiner ahne, welch' Geschäft es sei, das Dich zu Jenen führt, - trau ich den Burschen doch nicht weiter als mein Auge reicht und lebt doch Mancher in der Nähe, der das Nest vor uns auszunehmen, wenn er's könnte, sich nicht entblödete. Drum säume nicht und erprobe neuerdings so Witz als Muth!"
Mit diesen Worten war Gundel entlassen. Es war ihrer Schlauheit aber nicht entgangen, daß nur Herrn Sebekh's Arglist und Mißtrauen ihr jene Knechte beigab. Sie sollten sie mehr bewachen als beschützen, da er in früheren Fällen, wo ihre Sicherheit weit mehr in Gefahr gewesen, nie an einen derartigen Schutz für sie gedacht hatte.
Kaum hatte Gundel die Schwelle verlassen, als auch der durch ihre Ankunft früher nur mühsam zurückgehaltene Zank zwischen dem Neudecker und dem Burgherrn auf's Neue wieder losbrach, indem der letztere, seinem Unmuthe die Zügel lassend, begann: „Nun, da soll Euch ja der Teufel holen, wie jede Gemeinschaft zwischen uns, wenn Ihr nur stets der eigenen Laune folgt, ohne der Genossen Nutz und Frommen zu bedenken. Wenn die Sache also sich gestaltet, waren wir wohl Freunde die längste Zeit!"
"Weil Ihr's denn gar so übel nehmt," erwiderte allmählig einlenkend und sich Gewalt anthuend der Neudecker nach längerem hin und her Streiten, „weil Ihr’s gar so übel nehmt, so soll er leben meinetwegen, - ich treff‘ ihn wohl noch anderswo.“
„So seht Ihr's endlich ein?" rief der Andere, schnell besänftigt und zum Frieden die Hand bietend, „Ihr seht es ein? Ja? Dann ist's ja gut. Ein starrköpfig, thöricht' Kind müßt ich Euch nennen, säht Ihr solch' klares Ding nicht ein! Zähl ich im Geist das Geld zusammen, um welches sich Jeder lösen wird, fürwahr, ein rundes Sümmchen müßt es werden! Und da kommt Ihr nun, und wollt uns unsern Nutzen also schmälern, wollt uns den Vorlauff tödten, weil Ihr ihm gram seid, - den Vorlauff, um dessen Befreiung die Stadt am tiefsten in den Säckel greifen soll! Sagt selbst, wie ginge dies an, da uns d'rum zu thun sein muß, den Vogel lebend zu erhaschen? Das könnten wir ja nimmer dulden!"
„Nu' schweigt nur wieder," entgegnete ihm der Neudecker, im Begriff die Stube zu verlassen mit neu aufflammendem Unmuthe, „begnügt Euch mit meinem Wort, daß er nicht fallen soll von meiner Hand. Bei der Freundschaft, die ich für Euch, wie für die Andern hege, schwör' ich's Euch zu. Nun aber lebet wohl, vor Abend bin ich heim!" wornach er hinabeilte, sein Roß bestieg, und zum Thore hinaus jagte.
So sehr er sich aber auch in seines Bundesfreundes Nähe Gewalt angethan und die wahren Gefühle seines Herzens verläugnet hatte, konnte er doch nicht umhin, bald darnach, als er in's Freie gelangt war, dem Sturme, der in seinem Innern tobte, also Luft zu machen: „Hannsnarr! Du traust dem Schwur? Armsel'ger Schuft! Hanns von' Neudeck verkauft die Rache seines Herzens nicht um Tonnen Goldes, nicht um Ruhm, um keine Macht der Erde! Du sollst mich nimmer hindern, sie zu nehmen; - und fiel erst Der, - kommt leicht die Reih' an Dich!"
Sich hoch aufbäumend vor Schmerz, über den tief eingedrückten Sporn des ergrimmten Reiters, flog der wüthende Rappe dahin über Stock und Stein. –
Erst in später Stunde der folgenden Nacht kehrte Gundel mit ihren Begleitern heim von ihrer Sendung. Sie brachte größtentheils erfreuliche Nachricht mit, indem sowohl der Feuerschütz als auch Muscharat, entzückt über den nahe bevorstehenden Strauß und über die Gelegenheit, den Wienern eins zu versetzen, die Einladung mit Freuden angenommen und versprochen hatten, sich mit ihren Leuten zur guten Stunde auf Kogel einfinden zu wollen, was aber der auf Kreutzenstein zu seinem größten Bedauern nicht vermochte, da das Zipperlein ihn schmerzlich an's Lager gefesselt hielt. Herr Sebegh ermangelte nicht, der klugen Gundel über die gute Vollführung des ihr gewordenen Auftrages das größte Lob zu ertheilen. Er konnte nicht umhin, sein Bedauern auszusprechen, daß die Natur sie nicht als Mann in's Leben rief, weil da gewiß auf meilenweit in der Runde weder Ritter noch Knecht zu finden sein dürfte, der es mit ihr aufzunehmen fähig wäre. Und so rostig war Herrn Sebegh's Laune, daß er mit lachendem Munde, in das ihm etwas seltsam vorkommende Verlangen Gundel's, ihn und die seinigen auf dem Zuge gegen die Wiener begleiten zu dürfen, willigte. –
An dem Abende, der diesem Unternehmen vorherging, herrschte ein Leben und Treiben auf Kogel, wie nie zuvor. - Wie in einem aufgeregten Ameisenhaufen wimmelte es in den weiten Räumen der Burg von Menschen jeglichen Alters und Aussehens und beiderlei Geschlechtes. Denn viele der Ritter waren nicht nur mit Roß und Mann gekommen, sondern hatten auch noch eine Menge Dirnen mit sich gebracht, als gälte es mehr ein lustiges Beilager und tolles Fastnachtspiel.
In des Burgherrn Gemächern war versammelt, was nur irgend zum Bunde gehörte. Nicht Einer fehlte. Da saßen sie Alle beisammen die räuberischen, weit und breit gefürchteten Gesellen, seit lange der Schrecken sowohl der vorbeiziehenden Kaufleute, wie auch des Bürgers und Landmannes. Der gehaßte Hans der Laun von Grumau, Burghard der Truchseß, Janel der Jud, ein berüchtigter Halunke, Hanns und Thomas die Neudecker, uns von früher her in ehrenvollem Gedächtnisse, Hanns Freytl, Schart Muscharat, der Herrn Sebegh vorzüglich mit seinem weiblichen Gefolge überrascht hatte, Wilhelm der Feuerschütz, Abel Traunsdorfer und Andere, die hier namentlich anzuführen zu weitläufig wäre. Das wahre, rechte Leben kam aber unter die Versammelten als Herrn Sebegh's Kundschafter, den dieser nach St. Pölten gesendet hatte, mit der erfreulichen Nachricht heimgekehrt war, daß die Tagsazung daselbst beendigt sei und die Wiener bereits alle Anstalt getroffen hätten, sich am frühen Morgen auf die Heimreise zu machen. Da wurde erst recht wacker drauf losgezecht, als wäre es auf völlige Austrocknung des Burgkellers abgesehen gewesen.
So reichlichen Ueberfluß an Speise und Trank die Tafel der Ritter bot, so arger Mangel war unten bei dem Gesinde eingerissen, daß, nach Aufzehrung der geringen auf eine weit spärlichere Anzahl berechneten Vorräthe nichts anderes erübrigte, als aus der Umgegend, und zwar vorzüglich aus dem am Fuße des Kogelberges gelegenen Dorfe, das Fehlende herbeizuschaffen.
Auch dieser Sorge unterzog sich Gundel als die Unternehmendste und Rührigste. Ohne daß die Knechte aus ihrer Gemächlichkeit aufgeschreckt oder bei ihrem Würfelspiel, gestört wurden, raffte ste, nachdem sie nur wenige Augenblicke im Schlosse verweilt hatte, im Halbdunkel des Hofes sämmtliche Dirnen zusammen, führte diese, mit einer voranschreitend, den steinichten Berg hinab, um sich im Dorfe angelangt zu zerstreuen und bei den einzelnen Landleuten zu suchen, was sie brauchten. Sie selber trat mit ihrer Begleiterin in eine der Hütten, während sie die anderen rechts und links anpochen hieß.
Bald hatten sie ihren Zweck erreicht und schleppten sie reichlichen Imbis den Berg hinan, von dessen Höhe ihnen das Gelärme und Gejohle der Zechenden entgegen schallte. Voll Begierde, den Ihrigen die ersehnte Labung zu verschaffen, stürmten die rüstigen Dirnen ohne umzusehen den Berg hinan, so daß Gundel, welche ihnen stumm und schweigend gefolgt war, wie fröhlich und munter sie auch früher die Anhöhe ihnen voraus hinabgeeilt, bald weit hinter ihnen zurückblieb. –
Da, als sie sich allein und unbeachtet sah, stürzte sie hin auf ihre Knie, Gott im brünstigen Gebete zu danken für das einstweilige Gelingen eines gefährlichen Wagnisses, und seinen ferneren Beistand zu erflehen für das noch zu Vollbringende! –
Im Schlosse wieder angelangt, stieß sie auf den Neudecker, der sie schon überall gesucht, und aufgeregt vom Weine, eben hinaufeilen wollte zu Elsbeth, um sich im Vorgefühle der baldigen Befriedigung seiner Rache schon heute grausam und entmenschten Herzens zu laben an ihrer Verzweiflung, wenn er ihr verkündigte, was Herrn Vorlauff fast unausweichlich morgen beschieden sei. Mit Mühe hielt Gundel den Rasenden zurück von seinem Beginnen, dessen Gedanken sie nur dadurch eine andere Richtung zu geben vermochte, daß sie ihm verkündete, sie selbst werde, nach Sebegh's Erlaubniß, den morgigen Zug mitmachen. Und wirklich war es ihr solchergestalt gelungen, eine Saite anzuschlagen, die in seinem Inneren gewaltig wiedertönte, denn sein Auge glühte in einem wilden, teuflischen Feuer, und ihre Hand kräftig in der seinen drückend, daß sie fast aufschreien mußte vor Schmerz, raunte er ihr mit gedämpfter Stimme in's Ohr: „So sollst Du sein Ende sehen, denn so wahr ich lebe, - nicht sein Engel führt ihn morgen mir entgegen, - wenn ich auch Dem mein Wort gab, sein zu schonen!" - wornach er Elsbeths und alles Anderen vergessend wieder forteilte zu den Genossen. –
Wenige Stunden nach Mitternacht, bevor noch der erste Hahnenruf erscholl, hatte der Herr das Gebet der reuigen Dirne erhört und völlig gelingen lassen ein Werk der Liebe und Menschlichkeit. –
Wie Herrn Sebegh's Kundschafter der Wahrheit getreu berichtet, war die Tagsatzung zu St. Pölten zu ihrem Schlusse gediehen, aber ohne daß, wie bei der vorigen zu Neustadt, das gewünschte Ziel erreicht worden wäre, indem des Herzogs Forderungen von der Art sich erwiesen, daß die Abgeordneten der Gegenpartei, sich nicht leicht mit ihm vereinigen konnten. Die Verhandlungen waren also wieder geschlossen, und die Sache neuerdings einer weiteren Entscheidung anheim gestellt worden.
Noch vor Sonnenaufgang des nächstfolgenden Montages, machten sich die Wiener, zwar gewarnt, aber dennoch vertrauend auf das freie Geleite des Herzogs, auf, mit ihren Leuten den Heimweg anzutreten.
Unter harmlosen Gesprächen waren die Herren schon manche Stunde Weges geritten, bis sie in dem zwischen Sieghartskirchen und Ried gelegenen Walde, hart an dem dort strömenden Bächlein, von den Schaaren Sebegh's und seiner Spießgesellen, ihnen an Zahl weit überlegen mit der Forderung aufgehalten wurden, sich als Gefangene ohne Streit und Schwertschlag zu ergeben. Dieser Aufruf traf aber in Herrn Vorlauff zur Verwunderung des Gesindels, den unrechten Mann. Denn obgleich er nicht dem Kriegerstande angehörte, sondern nur ein friedlicher Bürger war, besaß er doch den kühnen Muth und die unerschütterliche Tapferkeit des Soldaten, einer ungemeinen Gewandtheit in Führung der Waffen nicht zu gedenken. Das schnöde Ansinnen wurde demnach von seiner Seite mit Verachtung zurück gewiesen. Zugleich munterte er aber die Seinigen zur hartnäckigsten Gegenwehr auf, und beschwor sie, lieber tapfer streitend zu fallen, als feig und verächtlich die Waffen zu strecken.
Das Beispiel des kühnen Führers befeuerte den ganzen Troß, so daß sie ungeachtet ihrer bedeutenden Minderzahl, die Angreifenden geworfen haben würden, hätten des Herzogs Söldner im entscheidenden Momente nicht Reißaus genommen. Hierdurch gestaltete sich die Lage der Bedrängten äußerst mißlich. Nun war an ein Entrinnen nicht leicht mehr zu denken und zwar um so weniger, da der durch die anfangs tapfere Gegenwehr der Letzteren etwas eingeschüchterte Muth der anderen wieder neu und gewaltig auflebte. Der Kampf wurde jezt mit noch größerer Hitze und Erbitterung geführt. Viele bluteten schon aus mehreren Wunden, ja von Sebegh's Leuten lag schon mancher als Leiche hingestreckt am Boden, ohne daß die Wiener auch nur einen Mann verloren hatten.
Da änderte sich das Schicksal der letzteren mit einem Male, als, von der Seite durch's Dickicht brechend, ihnen der Neudecker mit seinen Knechten in den Rücken fiel. Nun hatte die gute Sache den Todesstoß erhalten, denn panischer Schrecken ergriff die Mehrzahl, daß sie der eigenen Ehre, wie des Wohles der Freunde vergessend, ihr Heil in schmächlicher Flucht suchten, und da man ihrer nicht sonderlich achtend es unterließ ihnen nachzusetzen, auch fanden. Und je größer die Verzweiflung der in die Enge getriebenen Wiener geworden war, um so mehr hatte sich auch die Wuth der Feinde gesteigert, die bisher nur darnach getrachtet hatten, Jene, an deren Ergreifung ihnen gelegen war, lebend und ohne ihnen ein körperliches Leid zuzufügen in ihre Gewalt zu bekommen. Diese Rücksicht außer Augen gelassen fiel der reiche, blühende Flußhard als das erste Opfer, da er, nachdem er den übermüthigen Muscharat vom Pferde gestochen, selber von einem Speere durchbohrt in seinem Blute zu Boden stürzte. Doch hielt sich Herr Vorlauff immer noch frei und aufrecht auf hohem Rosse, so kräftige Hiebe nach rechts und links entsendend, daß es bisher Keinem gelang, ihm zu nahe auf den Leib zu rücken.
Endlich ereilte aber auch ihn sein Geschick. Nachdem der Knäuel der Feinde sich immer dichter um ihn zusammengeballt hatte, bäumte sich, auf empfindliche Weise verwundet, sein Pferd plötzlich, überschlug sich, und begrub ihn rücklings niederstürzend unter seiner Last. Jubelndes Halloh der Ersteren begleitete des edlen Mannes Sturz. Nur mehr von Wenigen seiner Getreuen umgeben mühte er sich trotz alles Kraftaufwandes vergeblich ab, sich unter der Last des Thieres hervorzuarbeiten, als sein Blick aufwärts in des Neudecker's racheglühendes Auge fiel, der, nachdem er die Reihen seiner Genossen durchbrochen, eben im Begriffe stand, seine Waffe dem am Boden liegenden durch die Brust zu jagen. In demselben Augenblicke aber, als hätte ein Engel des Himmels das Schwert des Rächers geschwungen, stürzte der Wüthrich selbst, bevor er die verruchte That vollbracht, mit tief klaffender Kopfwunde und Ströme von Blut vergießend neben seinem ausersehenen Opfer zur Erde hin.
Alle standen da wie gelähmt, denn die in dem edelsten Feuer erglühende mannhafte Gundel das Schwert der Vergeltung in hoher Rechten schwingend war es, welche jetzt auch vor Herrn Vorlauff's staunendem Blicke auftauchte. Und links und rechts die elenden Strauchdiebe, welche sich gerade bestrebten, den besten der Menschen seiner Freiheit zu berauben, mit gewaltigen Streichen niederstreckend, war es ihr fast schon gelungen, diesen wieder wehrhaft zu machen, als ein nur zu wohl treffender Schwertstoß, von rückwärts ihre Brust völlig durchbohrend, sie zu seinen Füßen hinwarf, ehe das schöne, fromme Werk noch völlig gelungen.
Da schwand der Zauber der ihre Umgebung gefesselt gehalten, und verzögerte nicht länger den fluchenswerthen Sieg der Schlechten.
Die arme Gundel lag aber verblutend vor ihm, der der Einzige von Allen Liebe und Menschlichkeit an ihr geübt, am Boden. Nur mit Mühe und dem Aufwand ihrer letzten Kräfte sich aufraffend, vermochte sie noch die Worte zu stammeln: „Elsbeth - frei - ich war nicht – unwerth – Eurer Gnade!“ - wonach sie als reuige Sünderin, der des Herrn Paradies niemals verschlossen ist, verscheidend auf den Rasen zurücksank.
Herr Konrad Vorlauff, nebst den übrigen Männern des Rathes wurde aber als Gefangener nach Kogel abgeführt.
11.
De mortuis nil nisi bene. Diesem Grundsatz zufolge dürfte es hier nichts weniger als überflüssig sein, unmittelbar an die Schilderung von Gundel's Tode, einige Worte zu reihen, welche manches in dem Charakter dieses Weibes widersprechend und zweideutig Scheinende in Einklang zu bringen und in ein besseres Licht zu sehen geeignet sein dürften.
[Hier endet Seite 120 unten, Fortsetzung Seite 123, Mitte.]
Alle ihre weiteren Handlungen entsprangen aus dieser Quelle [= Gundel]. - Wie ihr von früher bekannt war, hatte aus mehrfachem Grunde Wolfgang Herrn Vorlauff um so glühendere Rache geschworen, als der Schurke überhaupt jederzeit des Biedermannes erbittertster Feind ist. Nach dem letzten Vorgange mußte dieß noch ärger geworden sein. So lange jener in enger Haft gehalten wurde, wußte sie diesen wenigstens von der einen Seite aus sicher; nicht so aber, nachdem Wolfgang's Strafzeit ihr Ende erreicht hatte. Darum ihre Flucht von Herrn Schädniger's Maierhofe, wo sie so lange tadellos und musterhaft gelebt, und ihr erneuter Umgang mit jenen Schandgesellen, bis sie dem Beile des Henkers erlagen. Sah sie sich doch nur auf solche Weise in den Stand gesetzt, durch List und Schlauheit die Pläne und Absichten derselben gründlich zu erforschen und den zerschmetternden Schlag von dem Haupte des Allverehrten, wie seiner Freunde ferne zu halten und zu vereiteln. Gerne würde sie auch Elsbeth's Entführung verhindert haben, hätte dieses in ihrer Macht gestanden, leider konnte aber die Absendung jenes Briefes an Herrn Vorlauff, wenige Stunden nach vollführter That, das Einzige sein, was sie mit dem besten Willen in dieser Angelegenheit für ihn zu unternehmen vermochte. Dieser Brief sowohl, wie jener andere, der ihm die genaue Kenntniß jenes furchtbaren Complots verschafft hatte, rührte, da sie selber des Schreibens unkundig, von der Hand des ehrwürdigen Paters Anselm vom Karmeliterorden her, der Gundel's ganzes Denken und Trachten kannte, ihr darum väterlich geneigt war und dem sie mit kindlicher Liebe und rührendem Vertrauen anhing.
Nicht nur ihre eigene Schlauheit, sondern hauptsächlich der Segen Gottes, der auf all' ihrem Thun seit sie wieder die Pfade der Tugend gewandelt lag, hatte ihr unter dem Anscheine einer Fügung des Zufalles Eingang auf Kogel verschafft, wo ihr, obgleich sie Tag und Nacht unablässig darüber nachsann Elsbeth zu befreien, da der günstige Augenblick hartnäckig zögerte, dieses leider erst spät gelang.
Mußte Elsbeth's krankes Herz, nachdem sie einen tiefen Blick in Gundel's Inneres gethan, nicht heilenden Balsam finden für seine herbe Wunde und allmählig genesen von Hoffnung sanft gewiegt und in der Erkenntniß so vielen Edelmuthes, und reinen Strebens?
Da schlug endlich die Stunde, die Elsbeth der verhaßten Bande ledig machte, und zugleich die Schlußkatastrophe herbeiführte in Gundel's doch nicht ganz zwecklosem, an mancher wichtigen Lehre reichem Leben. - Nach dem unerforschlichen Walten der Vorsehung sühnte der schönste und ehrenvollste Tod die Schuld ihrer früheren Jahre, nachdem sie das geliebte Haupt des Mannes geschirmt, der so vieles gewirkt hatte, zum Heile Vieler, nicht aber ohne zugleich einem fluchbeladenen Sünder das Ziel seiner zahllosen Lasterthaten vorzustecken. –
Der allgemeinen Meinung nach, die sich sogleich nach dem Anlangen jener Flüchtlinge, welche die Botschaft von des Vorlauff und der Uebrigen Gefangennahme überbrachten, zu Wien geltend machte, hatte der Herzog bei diesem Gewaltstreich unzweifelhaft selber die Hand mit im Spiele. Die Gründe, welche dieser Ansicht fast unumstößliche Gewißheit verliehen, waren erstlich des Letzteren bekannte Abneigung gegen Herrn Vorlauff und den Rath, die seinen Absichten in mehrfacher Beziehung im Wege stehen mochten, hauptsächlich aber sein Benehmen nach diesem Vorfalle selber. Denn abgesehen davon, daß Leopold seinen jener Schnapphähne wegen des verübten Frevels zur schweren Verantwortung zog, brachte er die ganze Sache weiterhin fast gar nicht zur Sprache, ein Umstand, der wohl allerdings mehr als Verdacht erregend war.
Erboßt über die Frechheit, solchen Gedanken über seine geheiligte Person Raum zu geben, kam Herzog Leopold unmittelbar nachdem er durch seine Spione Kunde davon erhalten nach Wien. In der Voraussetzung, daß durch obigen Gewaltstreich, wie durch die zahllosen, vorhergegangenen Befehdungen und Plackereien der Muth der Wiener gebrochen sei, erlaubte er sich die übermüthige Forderung, es solle ein Stück der Stadtmauer zum Behufe seines Einzuges nieder gerissen und die gegen den Auflauf des (freilich ihm ganz ergebenen) Pöbels in den Gaffen gespannten Ketten weggenommen werden.
Zu seinem Erstaunen verweigerte ihm aber der Rath, der diesem Begehren nur zu gut auf den Grund sah, ungeachtet der Abwesenheit Vorlauff's, die Bewilligung desselben. Was blieb ihm da, so lange ihm die eigentliche Macht fehlte, Gehorsam zu erzwingen, wohl übrig, als in stillem Ingrimme die Lippen übereinander zu kneifen und bessere Zeiten abzuwarten? Und so bezwang er denn, wenn auch nicht ohne große Mühe, den Sturm seines wild erregten Gemüthes, um sich abermals nachgiebig zu zeigen, worauf zwischen beiden Brüdern neuerdings eine Versöhnung so weit zu Stande kam, das Herzog Leopold zu Krems und Herzog Ernst zu Wien, am 2. Juni urkundlich erklärten: „Sie wollten brüderlich in Wien beisammen wohnen, die Einkünfte der Vormundschaft, so wie die der gemeinschaftlich zu regierenden Länder theilen und eben so dasjenige, was ein Jeder seit dem 25. November 1407 eingenommen. Die früheren Verträge sollten in Kraft bleiben. Wer von den Brüdern dagegen handeln würde, dem sollten die Unterthanen den Gehorsam versagen dürfen.“
Der neue Friedensact theilte aber das Loos seiner Vorgänger, da sich schon in den nächsten Handlungen eine neue Willensverschiedenheit der Brüder aussprach, in Folge deren Herzog Ernst, der seither gegen Leopold immer im Nachtheile gewesen war, Wien verließ und sich nach Grätz begab. –
Während dieser Vorgänge in Wien waren die Gefangenen, die man anfangs unter Sebegh's Obhut auf Kogel verwahrt hatte, nach dem jenseits der Donau gelegenen, größere Sicherheit bietenden Kreuzenstein gebracht worden. Herr Wolfgang von Rohrbach, ein berühmter Kriegsmann, ehemals Vogt zu Wels, war damals Landrichter von Kreuzenstein. Nachdem sie aber auch hier keine bleibende Stätte gefunden, wurden sie zuletzt nach Dürrenberg, einem alten Raubneste im Viertel O. M. B., das wenige Jahre später (1440) durch Ulrich von Eizing mit Hülfe der Städte im Viertel O. M. B. zerstört wurde, versetzt.
Erst nach zweimonatlicher strenger Einkerkerung wurde Herr Vorlauff nebst den übrigen gegen nachherige Entrichtung eines Lösegeldes von zweitausend Gulden auf Ehrenwort entlassen, wornach sie am 18. Juni und zwar gerade am Frohnleichnamstage zum größten Jubel ihrer Freunde wieder in Wien eintrafen. –
Ungeachtet aber Herr Vorlauff seine geliebte Elsbeth im Hause ihres Pathen Jörg's des Bogners, wo sie einstweilen ihre Unterkunft gefunden, gesund und wohlbehalten wieder getroffen hatte, lagerte doch eine Wolke düsterer Schwermuth auf seiner sonst so lebensheiteren Stirne, welche selbst die Freude des Widersehens höchstens auf Momente zu verbannen vermochte. Eigentlich schien seit Gundel's heldenmüthigem Tode Glück und Zufriedenheit gänzlich von seiner Seite gewichen zu sein, ja, es hatte sich in lezterer Zeit sogar eine düstere Ahnung, daß die Gefangennahme auf Kogel nur der Beginn verhängnißvollerer und traurigerer Ergebnisse in seinem Leben sein dürfte, unwiderstehlich seines Herzens bemächtigt.
[Hier auf Seite 127 Mitte wird Kogl zum letzten Mal erwähnt. Abschrift weiter, dann es werden die Geschehnisse bis zum Tod des Bürgermeisters Vorlauf geschildert.]
Und wirklich sollte ihn diese innere Stimme nicht getäuscht haben. –
Durch die immerwährende Gährung und die raftlos wiederkehrenden Zerwürfnisse unter seinen Bewohnern, wie auch die unaufhörlichen Kriege seiner Landesherrn unter sich, war Wien in große Geldverlegenheit gerathen. Es galt also zunächst auf irgend eine Weise diesem Uebel abzuhelfen und aus dem Irrsal den geeigneten Ausweg zu finden.
Zu verschiedenen Malen war in voller Rathsversammlung unter Herrn Vorlauff's Vorsitze dieser höchst wichtige Gegenstand in reifliche Erwägung gezogen worden, ohne bisher auch nur im entferntesten der gestellten Aufgabe gerecht zu werden. Tausend Mittel waren vorgeschlagen und als unzweckmäßig wieder verworfen worden, ohne daß man dem Ziele auch nur um einen Schritt näher gekommen wäre. Ein Entschluß mußte aber denn doch gefaßt werden, da die Noth zu sehr drängte. So in die äußerste Enge getrieben, entschied sich der Rath endlich dahin, eine bedeutende Abgabe auf den Wein, wie auf die Fässer und das Lesgeräthe zu legen. Es stellte sich dieses in der That als das einzige Mittel heraus, wieder einiges Geld in den Stadtschatz zu bringen.
So zweckmäßig dieser Beschluß war, so verderblich erwies er sich in seinen nächsten Folgen.
Das gemeine Volk, ohnedies des Rathes und der Reicheren erbittertster Feind, empörte sich darüber, indem es sich hierdurch neuerdings beeinträchtigt fühlte, murrte laut, ja gerieth sogar in zügellose Wuth. Die Aufhetzer verdoppelten ihre Geschäftigkeit von früher, ließen des Kellerhalses und der Uebrigen blutige Gespenster Rache heischend vor aller Blicken auftauchen und ruhten nicht, schreckliche Dinge für die nächste Zukunft vorzubereiten.
Lärmend und klagend traten demzufolge die Handwerker und viele aus dem Pöbel hin vor Leopold, auf dessen Unterstützung sie rechnen konnten, und überreichten ihm eine Bittschrift, worin sie über Bedrückungen des Stadtrechtes klagten, um Abhülfe baten, Ausmusterung im Rathe, Ausstoßung Einiger und Aufnahme Anderer verlangten.
Dem Herzoge, unaufhörlich gehetzt von den Ohrenbläsereien seines Günstlings, des Wähinger's, kam diese Bitte nicht ganz unwillkommen, denn nun war der Tag der Rache gekommen, der Tag, wo er der Schlange den Kopf zertreten konnte, die so lange und bisher ungestraft ihr Gift nach ihm gespieen. Leopold war ein stolzer und ehrgeiziger Mann, der in dieser Richtung am meisten und schmerzlichsten verwundet werden konnte. Dieses war geschehen, war bei mannigfachen Gelegenheiten geschehen. Und eben Die, welche sich so hoch vermessen, waren jetzt wehrlos in seine Hand gegeben. Mehrere waren schon gefallen dort, wo Leopold nun stand - die Blätter der Geschichte erzählen uns dies an verschiedenen Stellen - und so fiel auch Leopold.
Am 7. Juli ließ der Herzog den Bürgermeister Konrad Vorlauff, den ehrwürdigen Konrad Ramperstorffer, Rudolph Angerfelder, Hannsen Rockh, den Schrul, Mosbrunner und den alten Stichel ergreifen, und in den gemeinen Kerker des Marschallgerichtes werfen; und noch in derselben Stunde war das Urtheil gefällt. Es lautete auf Tod durch das Schwert, am vierten Tage zu vollstrecken!
[Hier endet Kapitel 11 auf Seite 129. Ende insgesamt auf Seite 144 mit dem Jahre 1411.]
Seite 86:
Außer der schon erwähnten Zerklüftung der Wiener in Parteien, bei welcher Gelegenheit Adel, Rath und Bürgerschaft zu Herzog Ernst standen, während die Handwerker und das gemeine Volk für Leopold schwärmten, war bisher, nämlich bis Anfang Decembers, nichts sonderlich Erwähnenswerthes vorgefallen.
(Interessant wegen der Hinrichtung von Handwerkern 1408).
Veröffentlicht am 26.7.2025