Rudolf Büttner, 1957 in:
Mitteilungen der Kommission für Burgenforschung Nr. 7
Abschrift aus Privatbesitz (17.6.2024 erhalten).
1. Frühzeiten
Der Wienerwald erscheint in der Geographie des Ptolemäus als (zwei griechische? Wörter), in römischen Quellen als Mons Cetius. Beide Formen führt Steinhauser 1)
(1: W. Steinhauser, Zur Herkunft u. Bedeutung der nö. Orts- u. Flurnamen. Jb. für Landeskunde 25/1932, S. 7.
Nunmehr: E. Kranzmayer, Die österreichischen Bundesländer in ihren Namen. Muttersprache 4/1956, S. 10.)
auf ein Keltisches ketion (brigs) zurück, das „Waldberg“ bedeutete. Aus einem Ortsnamen Comagia oder Commagena 2)
(2: Gegen Steinhauser: E. Polaschek, Tulln in römischer Zeit. Tullner Heimatkalender 1952, S. 116.
Comagenus mons 823, OÖUB II, 9 Nr. 5, gefälscht; 985 – 991 Mon. Boica 28/2,209, Nr. 7.)
entstand die Bezeichnung Comagenus mons der Karolingerzeit. Zwischenformen gaben ab 791 in Zusammensetzung mit –berg Cumeoberg, Cummiberg und Cumenberg 3).
(3: Zusammenstellung der Formen bei R. Müller,Asnagahune Chunisberch und Mons Comagenus. Bl. f. Landesk. 30/1896, S. 420.)
Da Cumenberg die ganze Nordwestabdachung des Wienerwaldes umschloß, lebt die Bezeichnung sowohl im Kumenberg bei St. Andrä 4)
(4: H. Mitscha-Märheim, Gab es Awarenringe in N.-Ö.? Jb. f. Landesk. 27/1938, Festschrift A. Becker, S. 28.)
[Eine Abschrift siehe im Register D 25.]
wie im Ortsnamen Kaumberg an der Triesting bis heute fort. Noch um 1600 bezeichnete ein Gelehrter den ganzen Gebirgszug als Kaumberg 5).
(5: Philipp Cluverius, Vindelicia et Noricum, S.22.)
Der Name Wienerwald ist seit 1324 nachweisbar 6).
(6: A. Maidhof, Die Passauer Urbare I, 1933, 449.178.)
In der Zeit des Merkantilismus wurde der Wienerwald zur Waldmark gezählt. 7)
(7: 1339 ist eine Waldmarch bei Seitenstetten genannt. Fontes r. A. II/33, 203, Nr. 187.
Hier handelt es sich um die Waldmarch, die sich aus dem Traisengebiet bis in den Wienerwald erstreckte. 1756 Jan. 6 erging eine kaiserliche Resolution über die Einengung des Waldmarcheisenverschleißes. In der Waldmarch wird (Maria) Zeller Eisen verschleißt, außerhalb der Waldmarch z.B. in Kirchstetten, Tulln, Judenau, Würmla, Atzenbrugg, Traismauer und Herzogenburg Scheibbser Eisen. Zur Waldmarch zählten im Wienerwald Brand, Ollersbach, Neulengbach, Anzbach, Danerin = Preßbaum, Heiligenkreuz, Altenmarkt, Grillenberg, Eschenau, Traisen.
Unveröffentlichte Akten der Eisenhandlung Reichel in Neulengbach aus den Jahren 1749 – 1761.)
Schon die Kelten bezeichneten den Wienerwald als Waldgebirge. Ein solches bildete in den Frühzeiten, als Grenzgürtel den späteren Grenzlinien vorangingen, einen Anreiz zur politischen Grenzziehung. Die Grenzlage wieder führte in verschiedenen Zeitabschnitten zu Verteidigungsanlagen. Als Landessperre war der Wienerwald von Natur aus hervorragend geeignet. Diese Skizze *) behandelt aber nur den Sandsteinwienerwald östlich der Großen Tulln.
*) Anmerkung Marktgemeinde, Andreas Bohnec, 17.6.2024:
Es ist unbekannt, welche Skizze damit gemeint ist. Am Ende dieser Ausgabe gibtes eine Skizze „Befestigungslinien des Wienerwaldes“ mit: Der nördliche Ungarnhag. Ungarnverhagung an der Großen Tulln. Türkenschanzen im Wiental.
Siehe im Register 01 Karten Nummer 20_Befestigungslinien_Wienerwald.
Als Grenzgebirge schied der Wienerwald in der Römerzeit die Provinzen Pannonia und Noricum. Schon in der frühen römischen Kaiserzeit entstanden im westlichen Wienerwald zahlreiche Hügelgräber 8),
(8: J. Caspart, Römerzeitl. Grabhügel im nördl. Wienerwald. Mitt. Antrop. Ges. Wien 68/1938, S. 121.) – [Unter Frühgeschichte Register Nummer 110) Sonderamtsblatt zum Römergrab, 2024 können Sie die bekannten Texte mit Fotos zu unseren Römergräbern downloaden.]
, die aber an der Großen Tulln eine deutliche Westgrenze fanden. Sollten die Römer auf den Höhen im Quellgebiet der Bäche Wien, Lengbach, Anzbach und Kleine Tulln einen unterworfenen Alpenstamm der Illyrier angesiedelt haben, um die Kelten Pannoniens von jenen Noricums zu trennen? Meist bildete die Donau die römische Reichsgrenze gegen das freie Germanenland. Dementsprechend zog sich der römische Limes mit einem Wachturm am Pöcking quer durch den nördlichen Wienerwald. Die römische Reichsstraße überquerte diesen in der verhältnismäßig kurzen Strecke zwischen Klosterneuburg-Kierling und Zeiselmauer. 9)
(9: G. Pascher, Röm. Siedlungen u. Straßen im Limesbereich zw. Enns u. Leitha. Der röm. Limes in Österr. XIX/1949, Sp. 193, ferner unter Klosterneuburg, Gugging, Zeiselmauer. -
E. Polaschek, l. c. S. 108 – 121. -
Anschließend O. Biak, Röm. Funde im Tullner Bezirk.)
Nach dem Tode des Theodosius im Jahre 395 kam es immer wieder zu Einbrüchen fremder Völker von Osten her. Um 400 zogen Alanen, Wandalen und Silingen durch den Wienerwald. 433 trat Aetius die Provinz Pannonien vertraglich an die Hunnen ab. Der Wienerwald wurde Kampfzone. Donau aufwärts griffen die Hunnen bis Frankreich aus. Zwischen 455 und 471 bildete der Wienerwald nach Jordanes 10)
(10: Jordanes, Getica MG AA V 126, cap. 264.)
die Westgrenze des Ostgotenreiches. Bald nahmen die Skiren unter Edica, dem Vater Odoakers, den Platz der Ostgoten im Wiener Becken ein. Edica hatten sich die Germanen angeschlossen, die wir später als Bajuwaren in Bayern antreffen. 11)
(11: H. Mitscha-Märheim, Die Herkunft der Baiern. Mitt. Anthrop. Ges. Wien 80/1951. -
Derselbe, Lit. zur österr. Frühgeschichte. Arch. Austriaca 15. -
Derselbe, Aus der Frühgeschichte des Bezirkes Tulln. Tullner Heimatkalender1953, S. 57.)
Das Gebiet westlich des Waldes kam unter den Einfluß der Rugen, die um Krems nördlich der Donau saßen. Das Wirken des heiligen Severin zugunsten der romanischen Restbevölkerung fand damals am Wienerwald bei Asturis 12)
(12: Astura-Asturis nach Pascher Klosterneuburg, nach Polaschek aber Zeiselmauer.)
seine Ostbegrenzung. Odoaker zerschlug das Rugenreich, mußte aber selbst Pannonien den Gepiden überlassen. Noch von Italien aus bemühte sich der Ostgotenkönig Theoderich um politischen Einfluß auf Noricum. In diesem Bestreben wurde er von den Franken abgelöst, deren Reich nach Unterwerfung der Bayern vorübergehend bis an die pannonischen Grenzen reichte. Die Franken des Westens und die Griechen des Ostens wurden von etwa 546 bis 568 durch die Siedlung der Langobarden 13),
(13: Langobardische Restsiedlungen bis über 600 nachweisbar.)
anschließend durch die Reiche der Awaren und Slawen getrennt.
Die Slawen wurden als Vasallen der Awaren beiderseits des Wienerwaldes angesiedelt. Fernhändler benützten auch in dieser Zeit die Donaustraße über den Wienerwald. Nach dem Tode Samos, der zwischen 623 und 660 die Slawen von dem Joche des Awaren befreit hatte 14),
(14: K. Öttinger, Das Werden Wiens, Wien 1951.)
drangen bairische Siedler nach Osten bis an den Wienerwald vor.
2. Der Awarenhaag.
Um 700 zerstörte ein Vorstoß der Awaren die Stadt Lorch bei Enns. 15)
(15: I. Zibermayr, Noricum, Baiern und Österreich. München, 1. Auflage 1944, S. 99, 104 f.)
Anschließend legten die Awaren Siedlungen im Wiener Becken an. Damals mag der Hauptkamm des Wienerwaldes befestigt worden sein, während das westlich anschließende Gebiet bis zur Enns nur als Vorfeld des awarischen Reiches 15a)
(15a: Gegensatz provincia Avarorum-terra Hunorum OÖUB II, Nr. 5 (Fälschung).)
anzusehen ist.
Im Jahre 791 durchbrachen zwei Heersäulen der Franken Awarensperren. Darüber geben die Reichsannalen und die Annalen Einhards Auskunft. 16).
(16: MG SS rer. Germ. ed. Kuze 1895, S. 86 – 87.)
Eine der Sperren befand sich nördlich der Donau nahe der Kampmündung bei einem Orte Kamp. Diese Sperre nimmt Mitscha-Märheim 17)
(17: l. c. Festschrift Becker.)
bei den Orten Kammern-Straß an. Auf die Awaren wird der Ortsname Haindorf bei Langenlois zurückgeführt. 18)
(18: H. Weigl, Vordeutsche Volkssplitter in N.-Ö.Monatsbl. f. Landesk. XII/1926, S. 27.)
Der Hauptteil des fränkischen Heeres durchbrach unter Führung Karls des Großen gleichzeitig eine Awarensperre am Wienerwalde, in monte Cumeoberg. Mitscha-Märheim identifiziert diese Örtlichkeit mit dem Kumenberg bei St. Andrä. Dieser Hügel wird durch einen künstlichen Graben unbestimmten Alters von seinem Hinterland getrennt. Tonscherben, die Mitscha-Märheim bestimmte, stammen allerdings aus dem 10. und 11. Jahrhundert.
Zum Jahre 796 berichten die Annalen die Eroberung der awarischen Königsburg. Diese hieß Hring. Auf diese Bezeichnung geht die Fabel 19)
(19: Von Mitscha-Märheim als Kriegerlatein gekennzeichnet.)
von den neun Awarenringen zurück, die der Mönch von St. Gallen 20)
(20: Monachi Sangall., Gesta Karoli, MG SS II,748.)
in die Welt gesetzt hat. Weder die Angaben über die Zahl der awarischen Befestigungen noch die über ihre Ausdehnung werden von anderen Quellen bestätigt.
Der Gewährsmann des Mönchs von St. Gallen berichtet nicht von der Eroberung der Königsburg, sondern über einen Teil des von ihm angenommenen äußersten Verteidigungsringes. Hier dürfte er sich – möglicherweise an der Wienerwaldsperre – durch Augenschein von der awarischen Befestigungstechnik unterrichtet haben. Seine technischen Angaben werden durch andere Quellen bestätigt. Wenn etwa dem Mönch von St. Gallen die awarischen Befestigungen vergleichsweise als hegin, Heckenzäune, geschildert wurden, so findet sich eine ähnliche Bezeichnung im Metzer Bischofskatalog. 21)
(21: MG SS XIII, 306. 20, ebd. II, 269. 38.)
Nach der Lesart Müllers 22)
(22: l. c. Bl. 1896.)
starb Erzbischof Angilram von Metz am 26. Oktober 791 – wahrscheinlich an den Folgen einer Verwundung -"az haga Huno Chumiberg“, also am Hunnenhaag des Wienerwaldes. Unter Hunnen sind nach dem damaligen Sprachgebrauch die Awaren zu verstehen. Von Bedeutung ist vor allem die deutsche Bezeichnung Hag für die awarische Verteidigungslinie. Sowohl das System der Verhagung wie die Bezeichnung Hag kehrt in der Madjarenzeit und bis in die Türkenkämpfe der Neuzeit immer wieder. Diese deutschen Bezeichnungen sind viel anschaulicher als die in den Annalen verwendeten lateinischen Ausdrücke „firmitates“, „munitiones“ für die Awarenbefestigungen.
Die Worte Hag(ahd. der, daz, hac) und Hecke stammen nach Grimm 23)
(23: Grimm, Deutsches Wörterbuch IV/2, 1877, hag,Sp. 137, hecke Sp. 742.)
von derselben Wurzel, einem Zeitworte, das „schlagen, hauen“ bedeutete. Ein Hag konnte eine Einfriedung aus gekappten Buschholz oder geschlagenem Holze sein. Zum Schutze oder zur Verteidigung wurde die Einfriedung aus Holz- und Heckenwerk palisadenartig gefertigt. In unseren Landen versteht man unter Hag vorwiegend lebendes Gesträuch (sepes viva). Auch dafür bietet der Mönch von St. Gallen Hinweise. Nach seinen Berichten wurde diese Schanzverhaue aus Eichen-, Buchen- und Tannenstämmen in einer Höhe und Breite von je 20 Fuß aufgebaut. Der gesamte Innenraum des Verhaues war mit den härtesten Steinen und dem zähesten Lehm ausgefüllt. Dazu war die Oberfläche der Wälle mit einer zusammenhängenden Rasenschichte bedeckt. An den Rändern wurden kleine Bäumchen eingepflanzt. Abgehauene Ruten gaben, in den Boden gesteckt – wie man es oft sehen kann –, neue Zweige und Blätter. 24)
(24: „Ita stipitibus quernis, faginis velabgiegnis exstructus ut de margine ad marginem 20 pedes tenderetur in latum, ettotidem subrigeretur in altum; cavitas autem universa aut durissimis lapidibusaut creta tenacissima replereur; porro superficies vallorum eorundemintegerrimis cespitibus tegeretur. Inter quorum confinia plantabanturarbusculae, quae ut cernere solemus, abscissae atque proiectae, comas caudicumfoliorumque proferunt. Inter hos igitur aggeres ita vici et villae erantlocatae, ut de aliis ad alias vox humana posset audiri. Contra eadem veroaedificia inter inexpugnabiles illos muros a portae non satis latae erant constitutae,per quas latrocinandi gratia non solum exteriores, sed etiam interiores exiresolebant.“)
Diese Bemerkung gibt deutlich das wieder, was die Baiern mit dem Worte hac bezeichneten, nämlich eine lebende Hecke.
Von einem „vallofirmissimo“, einem überaus festen Walle am Wienerwalde, sprechen die Annalen Einhards. Zu diesem Wall mit Pfahlwerk und Verhauen kamen noch die Gräben.„Fossae“ werden 791 von den Annales Laureshamenses 25) erwähnt.
(25: MG SS I, 34.)
Mit den „machinationes“ der Awaren wollen die Reichsannalen wohl andeuten, daß die awarischen Befestigungen kunstvoll ersonnen waren. Man vergleiche dazu in dem 4. Abschnitte die Verwendung von „machinis“ auf Seiten der Deutschen und Ungarn.
Die Ausdrucksweise Einhards läßt darauf schließen, daß er die Befestigungen am Kamp und Wienerwald nicht mit anderen, improvisierten Schanzen gleichstellen wollte. Einen lebenden „Hag“ kann man m.[einer] E.[inschätzung] auch nicht improvieren. Es ist naheliegend, Awarenwall und Awarenhag im nördlichen Wienerwald, die die noch in Benützung stehende Römerstraße zu sperren hatten, als eine schon in den Jahrzehnten 26)
(26: Auch die Slawen errichteten zur Zeit Samosstarke Befestigungen, wie die Wogastisburg in Böhmen. Im Sinne Öttingers wärean einen Vorläufer der Awarensperre des Wienerwaldes zu denken, als König Dagobert die Alemannen donauabwärts gegen die Slawen sandte.)
vor 791 ausgebaute Verteidigungslinie anzusehen. Die von Einhard erwähnten „praesidia“ waren dann die ständigen Besatzung dieses Schanzenwerkes. Im Rücken dieser Anlage wurden in Klosterneuburg von den Awaren Turkstämme als Grenzwächter angesiedelt. Auf sie gehen nach Mitscha-Märheim 27)
(27: Abhandlung in Mainz im Druck.)
zwei Steinstelen mit Darstellungen von Köpfen zurück, die in Klosterneuburg gefunden wurden. Im gesicherten Raum des Wiener Beckens folgten schließlich die erst seit 700 entstandenen awarischen Wohnsiedlungen. 28)
(28: Westlich von Tulln heißt bei Kirchstetten ein Erdhügel „Hunnenhügel“; es dürfte sich aber um den Erdunterbau einer mittelalterlichen Burg (Eichberg?), nicht um ein Denkmal der Awarenzeit handeln. P. Schad’n, „Die Türkenhügel“ u. ähnlich benannte Bodendenkmäler. Unsere Heimat XXII/1951, S. 49, übersah die große Plattform.)
3. Das ungarische Gyöpü-Grenzschutzsystem.
Nach Homan 29)
(29: Balint Homan, Geschichte des ungarischen Mittelalters I, 1940, S. 108 – 111. -
K. Taganzi, Alte Grenzschutzvorrichtungen – Grenzödland. Ungar. Jahrbücher I,109. -
Elemer Moor, Studien zur Früh- u. Urgeschichte des ungar. Volkes. Acta Ethnographia Acad. Hung. Budapest II 1951, S. 25 u. a. Arbeiten dieses Gelehrten.)
hatten die Madjaren schon bei ihrer Niederlassung in Ungarn eine militärische Planmäßigkeit entwickelt. Besonders die Sicherung der Flußfurten spielte dabei eine große Rolle. Bewundernd aber spricht der Forscher von einem „großartigen Grenzschutz“ der Madjaren. Nach seiner Darstellung bildete der Wienerwald einen breiten Schutzgürtel an der Westgrenze des Ungarnreiches. Homan nennt die Schutzzone gyöpü-etve. Der eigentliche Befestigungsgürtel wird gyöpü genannt. Er lag am Innensaum des Waldgürtels. Aber auch an dessen Außensaume gab es ständige madjarische Wachposten. Auch unterworfene Fremdstämme wurden hier zum Grenzschutz herangezogen.
Nach Forschungen im Burgenland 30)
(30: Handwörterbuch des Grenz- u. Auslanddeutschtums I, 1933, unter Burgenland, bes. Sp. 676.)
kann man den Beginn des Grenzschutzsystemes ins ausgehende 10. Jahrhundert setzen. Seinen Höhepunkt erreichte diese militärische Organisation dort zu Ende des 11.Jahrhunderts. Sie wurde – wieder hundert Jahre später – am Ausgange des 12.Jahrhunderts aufgelassen.
Auf niederösterreichischem Boden fanden diese Annahmen ihre erste Bestätigung im nördlichen Weinviertel. Es gab eine Siedlung mit dem Namen Ungerndorf auf dem Boden der heutigen Stadt Zistersdorf, ein Ungerndorf bei Laa und ein Ungerndorf iim mährischen Thayaraum bei Eisgrub. Um das Ungerndorf im Laaer Becken lag ein ganzes Nest madjarischer Siedlungen. 31)
(31: W. Steinhauser, Die genetivischen Ortsnamen,in Öst. Sitzungsber. d. Wr. Akad., phil.-hist. Kl. 206/1, 1927. -
H. Weigl, Vordeutsche Völkersplitter, l. c. S. 26.)
Die Namen der Dörfer Ober- und Unterschoderlee, Fallbach und Gaubitsch sind madjarischen Ursprungs. Schoderlee hängt mit sator = Zelt, Fallbach mit falva = Dorf und Gaubitsch, mit dem madjarischen Personennamen Kovac zusammen. Benachbart liegt ein Dorf Altenmarkt, auf das wir später zurückgreifen werden. Hier am Südrand des Laaer Beckens wurden auch die Sümpfe der Thayaniederung als Grenzschutz gegen Mähren verwendet.
Es gab also im nördlichen Weinviertel ungarische Vorpostensiedlungen vor dem geschlossenen madjarischen Siedlungsraum. Solche Verhältnisse hat Homan vorgesehen; sie sind aber auch jedem Burgenlandforscher vertraut. Die Einordnung des Weinviertels in das ungarische Gyöpüsystem zeigte Mitscha-Märheim. 32)
(32: Heimatbuch Mistelbach. Vor dem Erscheinen.)
Er führt den Ortsnamen Pulgarn an der Thaya auf eine Ansiedlung unterworfener Wolgabulgaren durch die Ungarn oder Awaren zurück. Jedenfalls zeigen die Ortsnamen Böhmischkrut (heute Großkrut) und Dürnkrut, daß die Ungarn hier unterworfene Kroaten als Grenzwächter der Militärzone angesiedelt haben. Der Ortsname Chrubaten für Böhmischkrut ist schon aus dem 11. Jahrhundert urkundlich bezeugt. 33)
(33: MG DH III, Sp. 376.)
4. Deutsche Quellen über ungarische Verteidigungsanlagen.
Bischof Otto von Freisingberichtet in seiner Chronik: 34)
(34: Chronicon Ottonis ep. liber VI, cap. 20.)
„Im Jahre 955 …brach das ungemein wilde Volk der Ungarn in unzählbarer Menge aus seinem Gebiet hervor … Sie kamen bis an den Fluß Lech der Stadt Augsburg gegenüber … Mehr durch den Glauben als durch seine Waffen geschützt, trat der hochberühmte König Otto (I.) … diesen Ungarn entgegen. Er war sie mit solcher Tapferkeit zu Boden, daß das furchtbarste aller Völker es fortan nicht nur nicht mehr wagte, ins Reich einzudringen, sondern auch, von Verzweiflung gepackt, darauf sann, sein eigenes Gebiet an sumpfigen Orten durch Verschanzungen und Pfähle gegen die Unsrigen zu befestigten.“
Lateinisch heiß tder entscheidende Satz: „… et suum (regnum) desperatione correpta vallibus etsudibus in locis palustribus contra nostros cogitaret.“
Otto von Freising, der Sohn des Babenbergermarkgrafen Leopold III., konnte sehr wohl die ungarische Verhagung an der Großen Tulln gekannt haben.
Die Annalen des bairischen Donauklosters Niederaltaich 35)
(35: MG SS rer. Germ., Annales Altah. maiores ed. Öfele 1891, S. 35: „Volens eum insequi ultra Rabbanzia fluvium, invenit iterstagnantibus aquis et machinis more illis (sc. Ungaris) solito interclusum; …quorum adventum prospectantes (Ungari), qui machinas custodiebant … fugerunt.Sic nostratibus est via patefacta…“ Diese Sperre bestand schon 1043 und wurde als „opus“ bezeichnet.
Ebd., S. 33: „Veniens ergo rex ad terminum regni … factis machinis contra opus, quo (Ungari) fluvium Rapiniza occluserant, in crastinum impugnare disposuerunt (statt disposuit).“)
berichten über die Ungarnkämpfe des Jahres 1044: „Der Marschweg war durch aufgestaute Gewässer und Verhaue in der den Ungarn gewohnten Weise versperrt worden.“
5. Die ungarische Verhagung an der Großen Tulln.
Um 980 bildete die Große Tulln von der Quelle abwärts bis unterhalb Asperhofens die Grenze des Deutschen Reiches gegen die Ungarn. Die Große Tulln wurde zum Grenzschutz verwendet. Zu unserer Verwunderung aber weniger von den Deutschen als von den Ungarn. Vancsa, Öttinger und Lechner haben vor allem die strategische Bedeutung der Stadt Tulln für die Deutschen betont. 36)
(36: M. Vancsa, Gesch. Nieder- u. Oberösterreichs I, 1905, S. 298. -
K. Öttinger, Das Werden Wiens, 1951, S. 86. -
K. Lechner, Gesch. des Tullner Bezirkes in der Karolingerzeit. Tullner Heimatkalender 1953, S. 93.)
Eine Abschrift finden Sie im Register D 4.
Am Osthang des Tales der Großen Tulln verläuft eine großangelegte Verteidigungslinie. Ich habe sie erstmals in einer Skizze in Heft 1 der Mitteilungen der Burgenkommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften = Anzeiger der phil.-hist. Klasse 1951 37)
(37: Dazu R. Büttner, Burgen u. Schlösser. Heft 5 der Reihe: Kennst du die Heimat? Neulengbach 1951, S. 3. -
Derselbe, Die Burgen des Wienerwaldes. In: E. Arnberger u. R. Wismeyer, Ein Buch vom Wienerwald, 1952, S. 126.)
festgehalten. Diese Linie ist einmal durch Ortsnamenbildungen mit dem deutschen Worte Hag gekennzeichnet. Ich erinnere nochmals an die Verwendung des Wortes Hag für die Verschanzung der Awaren. Die Reihe dieser Hagorte ist folgende: Asperhofen gegenüber liegt am Osthang des Tales das Dorf Haghöfen, etwas südlicher bei Markersdorf die Einschicht Haag, südlich des Marktes Neulengbach das Dorf Haag, schließlich auf der Kammhöhe gegen das Tal von Altlengbach der Weiler Haagen. 38)
(38: Ich nehme an, daß auch die Einschicht Hochberg bei Wöllersdorf urspr.[ünglich] Haagberg hieß. So erscheint auch das Dorf Haghöfen bei Asperhofen auf der Karte 1:25.000 als „Hochhöfe“.)
[Zu „Hochhöfe“ siehe Link zu den historischen Landkarten unter Frühgeschichte, Register Nummer 1. „Franzisco-Josephinische Landesaufnahme 1869-1887“.)
Diese Siedlungen ordnen sich zu einer Linie am Osthang des Tullntales.
An jenen Stellen, an denen sich das Tullntal nach Osten öffnet, ordnen sich ungezwungen befestigte Plätze ein, auf denen sich später die Burgen Neulengbach und Altlengbach erheben sollten. Die Lage der Burg Altlengbach ist insoferne auffallend, als sie sich gar nicht in der Nähe des gleichnamigen Dorfes erhebt, sondern weit abseits, und zwar genau in der Haglinie. Sie hat also schon ein ungarisches Schanzwerk als Vorläufer gehabt.
Auch kleinere Burgen lassen sich hier einordnen. In Haag bei Markersdorf befand sich nach urkundlichen Nennungen der Ritter von Haag eine mittelalterliche Burg. Der Frauenhof bei Haag südlich Neulengbach geht auf den Sitz Cholos von Vronhofen zurück, der als Gefolgsmann 39)
(39: Die Dichtung bezeichnet Cholo von Vronhofen als wegekundigen Knecht des Lengbachers Otto V.)
der Hochfreien von Lengenbach um 1227 40)
(40: Ulrich von Liechtenstein, Frauendienst: Beim Abschluß der Venusfahrt an der Thaya. Dazu A. Öllerer u. R. Büttner, Der Domvogt von Regensburg. Heft 7 der Reihe: Kennst du die Heimat? Neulengbach1954, S. 20, 23.)
in Sichtweite der Burg Neulengbach hauste. Etwas südlicher liegt südwestlich Pameth ein Wehrgraben 41)
(41: H. Vetters legte im April 1953 dem Bundesdenkmalamt einen „Bericht über eine mit Dr. Büttner durchgeführte Begehung im Gebiet von Neulengbach“ vor, dem die folgenden Sätze entnommen sind:
„… gelang es R. Büttner, eine längs … der Großen Tulln sich erstreckende Verhagung festzustellen … Südöstlich von Neulengbach an der Westabdachung des Wienerwaldes konnte B. im Walde südwestlich der Ortschaft Pamet, auf halber Höhe, ungefähr in der Streichrichtung der eben erwähnten Haaglinie eine rund 4m hohe und bis zu 100 Schritt erhaltene Verwallung feststellen. Nach der örtlichen Situation kann es sich nicht um moderne bzw. spätmittelalterliche Wälle handeln, da diese nach der historischen Situation der Türkenkriege bzw. Kuruzzeneinfälle weiter östlich auf der Kammlinie liegen müßte. Es ist durchaus möglich, daß diese Verwallung im organischen Zusammenhang mit der Haaglinie steht. Ob eine Grabung Funde erbringen würde, ist zweifelhaft, da diese Wälle ja nicht mit einer Besiedlung im Zusammenhang stehen.“)
unbestimmten Alters im Walde versteckt. In Großenberg liegt auf einer Hangterrasse eine hochmittelalterliche Wallburg. Der Weiler Großenberg gehört zur Ortsgemeine Altlengbach und liegt in halber Höhe zwischen der Burg Altlengbach und dem Weiler Haagen. Im Jahre 1954 habe ich mit Dr. Lothar Eckhart, in den Jahren 1955/1956 mit Dr. Karl Kriegler hier eine Notgrabung durchgeführt. Sie fand die Förderung des Bundesdenkmalamtes und des Bundesministeriums für Unterricht. Ein Verhau auf der Wasserscheide zwischen Tulln und Schwechat beim Forsthof ist nur für 1532 bezeugt. 42)
(42: Raumer, Hist. Taschenbuch 1844, S. 91.)
Eine weitere Wehranlage mit Steinmauern findet sich auf dem SW-Kamm des Schöpfels, der zum Sattel Klammhöhe zieht. Die Flur (heute Wiese) liegt knapp südlich des „dreieckigen Marksteines“ und trägt den bezeichnenden Namen Freileiten. 43)
(43: Büttner, Burgen u. Schlösser, S. 8.)
Etwas tieferliegen südlich die Gehöfte Stützenreith. 44)
(44: Aus der Bezeichnung Klammhöhe schließt A. Dachler auf eine Sperre: Verschanzungen in N.-Ö. Berichte u. Mitt. Altertumsverein Wien 44/1911, S. 53. Talaus bis Klamm zahlreiche Talengen an der Tulln (Laabenbach).)
Mehr als ein halbes Dutzend hochmittelalterlicher Verteidigungsanlagen folgen so dem Zuge der madjarischen Verschanzung. Verlängert man ihre Richtung nach Süden, so erreicht man über den Gerichtsberg bei Kaumberg 45)
(45: Spätere Verhaue bei Kaumberg 1529, 1594,1683. Topogr. v. N.-Ö. V, 69 a;
Notizenblatt 1857, S. 171.)
die hochmittelalterliche Araburg. Östlich dieser Linie liegt Kaumberg, dessen Name auf Cumenberg zurückgeht, westlich Hainfeld, das mit seinen ältesten Namensformen Haganvelt, Haginvelt 46)
(46: Fontes r.A. II/69, Register;
dazu Vita Altmanni MG SS XII, 242, 35.)
auf die Verhagung zurückweist. Alle Hagorte fanden sich bisher unmittelbar westlich, niemals östlich der Verhaue.
Die ungarische Verhagung ist im Gelände weiters durch alte Steinkreuze und Bildbäume gekennzeichnet, an die die Frömmigkeit und Phantasie des Volkes immer wieder anknüpft. Hier ist das steinerne Scheibenkreuz östlich Grabensee, ein Bildbaum bei Pameth südlich Neulengbach und auf der Höhe südlich davon das „Rote Kreuz“ zu nennen. Letzteres liegt zwischen dem Weiler Haagen und den östlich benachbarten frühkaiserzeitlichen Hügelgräbern. 47)
(47: Caspart, l. c.)
An das Scheibenkreuz knüpfen sich zwei Sagen, die von K. Gaar bzw. F. Hüll aufgezeichnet wurden. Das Bergmanderl der einen Sage kann nur erlöst werden, wenn sich ein bestimmter Bursche von Abend bis nach Mitternacht in den Hag lege. Das Begmandl würde sich dann als Schlange um seinen Leib wickeln. Hier spielt also der gefürchtete Hag eine Rolle.
In der Scheibenkreuzsage hinwiederum muß ein Jäger im Auftrage des Teufels das Bild des Gekreuzigten von einer Eiche herunterschießen. Dies zeigt die dunkle Erinnerung an die Ungarnzeit, in denen der Kult des deutschen Christentums der Karolingerzeit mit Gewald ausgerottet wurde. 48)
(48: Ohne in eine mythologische Sagendeutung zu verfallen, kann man an dieser Sage die Religionsentwicklung ablesen: Der im Heidenkult bedeutsame Eichbaum wurde in der Karolingerzeit durch das Bild des Gekreuzigten geheiligt, von den heidnischen Ungarn wieder entweiht. Das nachfolgende christliche Mittelalter läßt den Jäger, den Helfer der Heiden, verflucht sein. An Stelle des verlorenen Holzkreuzes wird ein dauerhaftes Steinkreuz gesetzt.)
Weiters scheinen auch Richtstätten mit der Haglinie in Verbindung zu stehen. Es wurde schon der Gerichtsberg bei Kaumberg als Punkt der Haglinie erwähnt. Auch das Hochgericht der Herrschaft Neulengbach auf dem Galgenhügel bei Almersberg liegt in der Linie der Verhagung. Wie in den Sagen mochte auch hier eine alte Überlieferung mitspielen.
So kann man aus Hagnamen, späteren Wehranlagen, aus Steinkreuzen und Bildbäumen, ja sogar mit Hilfe der Volkssagen den Verlauf der Verhaue im Gelände ziemlich genau festlegen.
An jenen Stellen, an denen die Wehrlinie besonders gefährdet war, nämlich an der westlichen Ausmündung der Senke von Grabensee und an der Mündung des Anzbaches, wurde die Tulln zu Verteidigungszwecken aufgestaut. 49)
(49: Die Versumpfung des Tullntales erforderte 1058 bei Inprugg die Anlage einer Brücke, als die Kaiserinwitwe Agnes von Poitou, mit ihrem Söhnchen aus dem Marchfeld kommend, von Trübensee bei Stockerau her die Donau bei Tulln überschritten hatte und auf dem Weg nach Weißenkirchen an der Perschling war. Da unterwegs die Amme Heinrichs IV. namens Imma starb, erhielt die Übergangsstelle über die Tulln den Namen Immenbrucke. Imma wurde in St. Pölten vor der Klosterschwelle begraben. NÖUB I, 5, Nr. 3.)
Daran erinnern noch heute die Namen Graben-see, See-bach, See-wiese und Um-see. Die Verhagung mußte den unter Wasser stehenden Senke von Grabensee östlich bis zum Scheibenkreuz ausweichen. Ich erinnere daran, daß Otto von Freising von Verschanzungen und Pfahlwerken der Ungarn an sumpfigen Orten spricht.
Die ganze Anlage der Verhaue weist in ihrer Hanglage am Osthang des Tullntales und an der Westgrenze des Wienerwaldes auf eine Verteidigungslinie, die gegen Westen gerichtet war. An diese Linie schließt heute noch bei Haag-Markersdorf, bei Haagen, bei der Burg Altlengbach und bei Freileiten östlich unmittelbar das Waldgebiet an. Darüber hinaus haben wir einen eindeutigen Beweis, daß die Verhagung auf die Ungarn zurückgeht.
Südlich der Burg Altlengbach findet sich in strikter Fortsetzung der Haglinie der Weiler Schoderlee. Die heutige Siedlung hat Sichtverbindung mit dem Weiler Haagen der Haglinie. Dieser Ortsname Schoderlee ist uns bereits aus dem Laaer Becken als madjarischen Ursprungs bekannt. Er ist mit einem madjar. Wort sator = Zelt und dem deutschen Wort le = Hügel zusammengesetzt. Hier weist also die Bennenung Zelthügel auf einen madjarischen Vorposten. Er findet sich an der Außenseite des Schutzgürtels des Wienerwaldes dort, wo ihn Homan angenommen hatte.
Östlich des Hages finden sich Anzeichen, daß unterworfene Slawen von den Ungarn zum Grenzschutz angesiedelt wurden. Östlich von Burgstall, das in seinem Namen an einen Stützpunkt der Ungarn erinnern mag, findet sich die Slawensiedlung Winten. In ähnlicher Schutzlage auf einem Höhenrücken liegt das Gehöft Windbichl, das ebenfalls auf eine Slawensiedlung zurückgehen kann.
Hingegen scheint die halb slawische, halb deutsche Siedlung bei Sieghartskirchen, wo Mitscha-Märheim ein Gräberfeld untersucht hat, in der Ungarnzeit aufgegeben worden zu sein. 50)
(50: H. Mitscha-Märheim, Das karoling. Gräberfeld von Sieghartskirchen. Archeologia Austriaca 13/1953, S. 21.)
Anmerkung Marktgemeinde, Andreas Bohnec, 19.6.2024: Vollständiger Text siehe Frühgeschichte Nr. 38.
Schließlich komme ich noch auf die Bezeichnung Altenmarkt für den ältesten Ortsteil in Neulengbach zu sprechen. Ich erinnere an das Altenmarkt in Nachbarschaft zu den Ungarnsiedlungen des Laaer Beckens. Hier an der Tulln dürfte sich also auch in der Ungarnzeit ein Grenzhandelsverkehr zwischen Ost und West über die Demarkationslinie hinweg weiterentwickelt haben.
6. Die Laurenzkirche im Ungarnhag.
Die Schlacht am Lechfelde wurde am 10. August 955, am Festtage des heiligen Laurentius, gewonnen. Seither galt St. Laurenz als Schlachtpatron gegen die Ungarn. Die Laurentiuskirchen in Niederösterreich kennzeichnen die Situation der Rückgewinnung deutschen Siedlungsbodens. Diese Kirchen erweisen ihr Alter schon daran, daß sie sich nicht oder erst spät in die Passauer Pfarrorganisation einordnen. 51)
(51: Die Laurenzkirche in Ybbs erhielt erst um 1200 Pfarrechte durch Übertragung von St. Martin. In Säusenstein war die Kirche nur vor der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts bis ins 13. Jahrhundert Pfarrsitz. In Schönbühel blieb die Laurenzkapelle Schloßkapelle. Loosdorf und Obritzberg wurden um die Mitte des 12. Jahrhunderts Pfarren. Die Laurentiuskirche in Rabenstein erhielt erst im 13. Jahrhundert den bescheidenen Rang eines Vikariats. St. Laurenz bei Markersdorf an der Tulln wurde um 1300 eine kleine Hilfsparre. Nach H. Wolf, Die Kirchen- und Grafschaftskarte. 4. Niederösterreich. Erläuterungen zum hist. Atlas, hgg. Akad. d. Wiss. Wien 1955.)
Die Laurenzikirche im Tullntal ist in vieler Hinsicht bemerkenswert. Der Hauptteil der Kirche ist ein romanischer Rundbau, dem ein spätgotischer Priesterchor mit Längsachse angefügt wurde. Außen ist an der Kirchenmauer ein römisches Relief eingemauert. 52)
(52: Tafel III (VI), Figur 8, bei Caspart, l. c.)
Westlich ist die Lage der Kirche am Osthang des Tullntales genau in der Haglinie. In der Nähe finden sich nur die zwei Bauernhäuser der Einschicht Haag. Das ehemals zugehörige Pfarrdorf Markersdorf liegt 600 m weiter nördlich. Abseits jeder größeren Siedlung ist die imposante Kirche am Waldesrand in ihrer Entstehung nur aus den Ungarnkämpfen zu verstehen. Eine Kirche des hl. Laurentius wurde dem Ungarnpatron an der Stelle errichtet, wo der Ungarnhag im Jahre 955 durch das bairische Heer durchbrochen wurde. 52a)
(52a: Eine (verschollene) Laurentiuskirche befand sich auch bei Ollern.)
Anmerkung Marktgemeinde, Andreas Bohnec, 19.6.2024: Siehe Frühgeschichte Register Nummern 115, 116 und 117.
7. Die Tulln als Besitz- und Zehentgrenze.
Öttinger hat aus den Salzburger und Regensburger Annalen für das Jahr 991 einen entscheidenden Sieg des bairischen Herzogs Heinrich II. des Zänkers über die Ungarn nachgewiesen. 53)
(53: Öttinger, Das Werden Wiens, S. 97.)
Nach unserer Darstellung wurde im Zuge dieser Kämpfe der Ungarnhag an der Großen Tulln durchbrochen. Die Überwältigung des ungarischen Außenpostens in Schoderlee mag jenem Eingilrich zu danken sein, der am 29. April 998 54)
(54: MG DO III, 287.)
den Landstrich zwischen Tulln und Anzbach von Otto III. zur freien Verfügung zu eigen erhielt .Im Gebiet des Lengbaches und des Anzbaches entstanden nun in gleichen Abständen von der Bachmündung in die Große Tulln je eine vorgeschobene Siedlung; beide wurden nach dem Bache benannt und um 1050 zur Doppelpfarre Altlengbach-Anzbach zusammengefaßt. Die Tulln wurde durch die Königsurkunde von 998 Besitzgrenze von der Quelle bis zur Mündung des Anzbaches. Westlich der Tulln waren wohl die Grafen von Ebersberg um Asperhofen und Ebersberg schon einige Jahrzehnte begütert. Sie erwarben vor 1037 großen Besitz an der Kleinen Tulln und auch Engilrichs Schenkungsgut. 55)
(55: Mon. Boica, XIV, S. 272, 181 f., 215, Lengbach kann sich nur auf Altlengbach beziehen, das allein am Lengbach liegt.)
Damit war die Besitzgrenze an der Tulln verwischt.
Soweit die ungarische Verhagung nach Norden reichte, bildete fortan die Große Tulln die Zehentgrenze zwischen Pfarren des Westufers und des Ostufers. Am Westuferreichte im Mittelalter die Pfarre Asperhofen als selbständige Pfarre von Weinzierl bis Inprugg, südlich schloß sich die Pfarre Christophen mit ihren Filialen Seebach und Brand an.
8. Der nördliche Ungarnhag.
Die Verteidigung des nördlichen Wienerwaldes konnte zu allen Zeiten entlang der Wasserscheide geführt werden, gleichgültig, ob sie gegen einen Feind im Osten oder einen solchen im Westen gerichtet war. Dieser wasserscheidende Hauptkamm beginnt am Greifensteiner Sporn und führt über die Kuppe beim Hadersfelder Schloß nach Südwesten. Im weiteren Verlauf ist der Luftabstand vom Ostrand des Tullner Feldes sehr gering. Über Langenwiesen und den Schneiderzipf wird der Hohenwartberg erreicht, dessen Ausläufer Kumenberg oder Burgstall genannt wird. Beide Kuppen waren befestigt. Der Hohenwartberg trug einen mittelalterlichen Steinturm 56)
(56: G. Binder, Die niederösterr[eichischen] Burgen u.[nd] Schlösser I, 1925, S. 154, mit Literatur.)
und ausgedehnte Erdanlagen. 57)
(57: H. Mitscha-Märheim, Jb. f. Landesk. 27/1938, Festschr. A. Becker, S. 28.)
Der Kumenberg war schon in der Awarenzeit verhagt, 58)
(58: s. Abschn. 2.)
hat aber Tonscherben des 10. und 11. Jahrhunderts geliefert. Die Bezeichnung Burgstall geht auf die Befestigungen vor der Jahrtausendwende zurück. Die Bedeutung der Örtlichkeit ergibt sich daraus, daß im südlichen anschließenden Sattel die noch im Mittelalter verwendete Römerstraße St. Andrä-Gugging-Kierling den Hauptkamm des Wienerwaldes überquerte. Anschließend zieht die Wasserscheide nach Süden und erreicht den Plöcking. Hier stand in der Römerzeit ein Wachtturm der Limesbefestigung.
(59: s. Abschn. 1.)
Der Berg Plöcking hat seinen Namen von der Wüstung Plöcking. Dieses Dorf weist mit seinem echten–ing-Namen auf karolingische Besiedlung dieser Höhen. Von Hintersdorf nach Osten ausbiegend, erreicht der Wienerwaldkamm über das Rote Kreuz den Steinriegel und wendet sich knapp vor dem Scheiblingstein 60)
(60: J. Caspart, Der Scheiblingstein im Wienerwald. Unsere Heimat 1935, S. 347. -
UH 1938, S. 183 -
Öde Kirche nach H. Fuchs UH 1937, S. 64.)
Hier gelangen Sie zur Übersichtsseite dieser Publikationen (NÖ Landesbibliothek).
über eine öde Kirche auf den Heuberg nach Westen zurück. Den Sattel nördlich des Tulbingerkogels sicherte der Passauer Besitz in Hainbuch, den Übergang südlich des Berges der Passauerhof. Hier führten Übergänge aus dem Tale des Mauerbaches gegen Tulbing. Der ganze „Frontabschnitt“ von Greifenstein bis hieher kam in karolingischer Zeit, schon 836, an das Hochstift Passau, 61)
(61: in cacumen montis C. MG Urk. Ludwigs d. Deutschen 18.)
wobei besonders darauf Wert gelegt wurde, daß sich der Grundbesitz bis auf die Wasserscheide des Kumenberges erstreckte. Ich sehe daher in dem „Scheiblingstein“, der früher „Meilstein im Wall“ hieß 60) einen karolingischen Meilen- und Grenzstein.
Die anschließenden Wienerwaldübergänge wurden erst um die Mitte des 11. Jahrhunderts vom Bistum Freising erschlossen. Zwischen dem Passauerhof und dem Sattel des Riederberges zieht die Wasserscheide über ein weiteres Rotes Kreuz zu den Befestigungen des Rauchbuchberges. Sie wurden von Caspart 62)
(62: J. Caspart, Die Schanze auf dem Rauchbuchberg. Mitt. Anthrop. Ges. Wien 1934, S. (34), ebd. 1936, S. (20).)
als ein gegen Süden gerichtetes Schanzwerk mit einer anschließenden umwallten Fluchtburg beschrieben. Der Erdwall erstreckte sich dem Kamm entlang der beiden Seiten. Das Hauptwerk bestand aus einem 2 m hohen Erdwall mit 3 m breiter Krone und vorliegendem Graben. Der westlich anschließende Riederbergsattel gehörte mit beiden Abdachungen dem Hochstifte Freising zu. Im weiteren Verlauf der gegen Südosten ausbiegenden Wasserscheide stießt Caspart 63)
(63: Derselbe, Die älteste Landwehr für das Tullnerfeld. Ebd. 66/1936, S. (20). -
J. Fuchs, UH 1937, S. 416.)
beim Weißen Kreuz auf einen 500 m langen Erdwall, der einst einen Holzaufbau getragen hatte. Mit der gleichartigen Anlage am Rauchbuchberg bildete diese Verwallung eine Landwehr des Tullnerfeldes gegen Osten. Von Elsbach führt der „Hauersteig“ über das Weiße Kreuz – Rabenstein gegen Gablitz.
Die Wasserscheide zieht vom Weißen Kreuz 64)
(64: Im nördlichen Ungarnhaag zweimal Rotes Kreuz, einmal Weißes Kreuz; im Haag an der Tulln Rotes Kreuz und Scheibenkreuz.)
über den Keinratsberg und den Hinteren Steinberg nach Rauchengern. Wie die Bezeichnung Rauchbuchberg dürfte auch Rauchengern mit Rauchsignalen zusammenhängen. 65)
(65: Vgl. den ON Rauchenwarth im Wiener Becken.)
Benachbart ist die Rotte Frauenwart in der Katastralgemeinde Preßbaum. Über den Kleinen und Großen Stiefelberg wird der Weiler „Am Haagen“ erreicht. Dieser Name weist auf eine Verhagung, denn eine Hecke für bäuerliche Zwecke wäre hier am Waldrand kaum namengebend geworden. Über den Hochbusch erreicht der wasserscheidende Kamm den Sattel von Rekawinkel. Die Verteidigungslinie überschritt aber diesen Sattel nicht gegen Südwesten, sondern folgte der Wasserscheide zwischen Anzbach und Koglbach nach Nordwesten. Dabei werden die durch römerzeitliche Grabhügel bekannten Örtlichkeiten Finsterleiten und Winten berührt und über den Eichberg das Dorf Burgstall erreicht. Dieses fällt schon durch seinen Namen auf. Über den von fünf Erdwällen gekrönten Buchberg 66)
(66: G. Kyrle, Mitt. des Staatsdenkmalamtes, Sammelheft 1920. -
Neuvermessung von Ing. Schöllkopf in Neulengbach.)
und dessen Westkamm wird beim Laurenzikirchlein von Haag-Markersdorf der Anschluß an den Ungarnhag des Tales der Großen Tulln erreicht.
Für die Benützung dieser Verteidigungslinie am Hauptkamm des nördlichen Wienerwaldes sprechen vor allem zahlreiche Hag-Namen in Analogie zu den Hagorten an der Tullnverschanzung. Solche Hagnamen finden sich auch hier vorwiegend an der Außenseite (Westseite) der Verteidigungslinie. Diese Hagnamen beginnen an der Donau mit der Insel Unger-Hagenau, mit der Wüstung Wildenhaag und der Flur Hagenhöuwe. Dem Hagental bei St. Andrä entsprach nach Weigl der Name Hagental östlich des Wienerwaldkammes. So hieß früher nämlich das Kierlingtal. Südwestlich Kierlings wird ein Wald Hohenau auf ein Hagenau zurückgeführt. Mitten in der Verhagung selbst entstand Hainbuch, einst Hagenpuch. 67)
(67: Donauinsel Unger-Hagenau. Mon. Boica 28/2,348., 376; 30/2 439; Maidhof, Pass. Urb. I 455. 198. -
Wildenhaag, Maidhof I, 443. 156. -
Hagenhoie, Arch. f. österr. Gesch. IX, 263; P. Müller, Bl. f. Landesk. 30/1896, Worterklärung: hagenhöuwe = Siedlung inmitten des ausgehauenen Buschwerkes; Lokalisierung: Maidhof I, 196. 1648. -
Hagental aus Hechental, Hekkental. -
Hagenthal am Kierlingbach, Maidhof I, 457. 205. -
Hohenau, Maidhof I, 196, 1648. -
Hainbuch: Hagenpuch villa, Maidhof I, 196, 1649.)
Dem Südteil der Verteidigungslinie gehört der Weiler Am Haagen an, 68)
(68: Am Haagen, bereits oben besprochen; völlig gleichlautend mit Weiler beim Roten Kreuz, OG. Altlengbach am Tullnhaag.)
nördlich vorgeschoben ist Hagenau. 69)
(69: Aus Flur Hagenouwe oder Ortsname durch die Herren von Hagenau begründet.)
Auf die Ungarnzeit weisen die datierten Scherben des Kumenberges. Die Bezeichnung Burgstall 70)
(70: Burgstall bei Anzbach bereits in den ldf.Urbaren ed. A. Dopsch I, 71.)
Abschrift Dopsch siehe 03 Landesfürstliche Urbare…im Register Nummer 3.1.
wiederholt sich im Norden und Südwesten der Schanzenlinie. 71)
(71: Ein Totenkopf findet sich bei Hadersfeld und am Schöflausläufer bei Freileiten (Tullnverhagung).)
Slawische Benennungen, wie Winten 72)
(72: Von deutschen Nachbarn „ze den Winden“ benannt.)
oder Kölbring, 73)
(73: Knapp westlich des Hauptkammes bei Hadersfeld, Berg mit Steilabfall gegen das Tullnerfeld. Weiters kommen vielleicht die Weidlingbäche südlich Preßbaum, westlich Klosterneuburg in Betracht; ferner zwei Siedlungen Kraking und Sandling in ähnlicher Lagenördlich des Troppbergzuges. Sandling Einzelgehöft, OG. Tullnerbach; Kraking, Weiler, OG. Rappoltenkirchen. Der Weiler Au am Kraking, OG. Preßbaum, ist junger Entstehung. Zwischen Kraking und Au am Kraking der Krakingberg. -
Der Weiler Kraking erscheint 1377 nach Kerschbaumer, Gesch. d. Stadt Tulln 379, mit der Namensform Grecking. Damit wird m.[einer] E.[inschätzung] noch nicht bewiesen, daß es sich um echte –ing-Namen handelt.)
mögen auf hörige Slawen weisen, die von den Ungarn in Grenznähe angesiedelt wurden.
Während die ungarische Verhagung an der Großen Tulln bald nach dem Jahre 1000 durch eine Burgenlinie ersetzt wurde, sind die Verteidigungsanlagen am Hauptkamm des Wienerwaldes einerseits schon früher angelegt, andererseits über die Ungarnzeit hinaus weiter verwendet und ausgebaut worden. Beiden Befestigungslinien mußten bei einem Angriff gegen Osten wie bei der Abwehr des Ostens das ummauerte Tulln einen starken Rückhalt geben. Vom römischen Limeskastell entwickelte sich Tulln über die ummauerte Zufluchtsstätte der Völkerwanderungszeit zu einer Civitas der karolingischen Epoche und zur Reichsfeste der Zeit der Salier. 73a)
(73a: Die älteste Nennung einer „Burg“ östlich der Tulln bringt eine gefälschte Königsurkunde von 823. Sie ist noch vor der Jahrtausendwende entstanden. Zeizinmurus cum tali marcha. … ab illo castello inorientali plaga usque ad pendentem lapidem in ora montis Camageni. (Zeiselmauer mit folgendem abgegrenzten Gebiet: … von der Burg Zeiselmauer durchs östliche Tullnerfeld bis zum hangenden Stein [später Greifenstein] am Ansatze des Wienerwaldes.) OÖUB II Nr. 5.)
9. Das Bistum Freising öffnet den Riederberg.
König Konrad II. belohnte den Bischof Eigilbert von Freising für die Erziehung des Königssohnes Heinrich 1033 74)
(74: MG DK II, 195.)
mit curtem Alarun, dem Königshof Ollern. Mit Hilfe der Grafen von Ebersberg, die Vögte des Hochstiftes waren und bis 1043/45 das westlich anschließende Gebiet an der Kleinen Tulln besaßen, konnte Freising einen Anteil an Freundorf und die Siedlungen Weinzierl, Flachberg und Ried gewinnen. 75)
(75: K. Lechner, Der Tullner Bezirk zur Babenbergerzeit. Tullner Heimatkalender 1954, S. 41.)
Es stieß auch über den Kamm des Wienerwaldes vor: Laabach bei Gablitz ist als Loupach 1060 in Freisinger Hand, 76)
(76: A. Schachinger, Der Wienewald 131. Fontes II/31, S. 80.)
auch Gablitz 77)
(77: Bis 1337 ebd. S. 253.)
und Mauerbach 78)
(78: Zitate für 1270, 1305, 1316 in Topogr. von N.-Ö. unter Mauerbach.)
gehörten dem Bischof.
In dem Cartular des Kosters Ebersberg fidnen sich c. 1010 – 1020 bei der Erwerbung des Gutes Gowiprucca, 79)
(79: Hundt, Cartular des Kl. Ebersberg. Abh. Bayr. Akad., III. Cl. 14/3, 1879, I, 19: Gachbruck, G. Steinkirchen, L. Dorfen.)
das bald darauf Graf Udalrich von Ebersberg tauschweise an sich brachte, 80)
(80: Ebd. II, 4.)
u. a. folgende Zeugen: Purchart de Louppah, Adalwart de Frowenhoven, Herririh et Papo de Notcingin. Diese Männer kamen von ihren bairischen Stammsitzen mit Graf Udalrich von Ebersberg oder Bischof Eigilbert von Freising in das Ostland. Sie gründeten die Siedlungen Laabach bei Gablitz, Frauenhofen und Nitzing im Tullnerfeld, die nach ihnen benannt sind. Ich sehe in Purchart von Louppah auch jenen Burkhard, auf den Purkersdorf 81) zurückweist.
(81: A. Schachinger, Der Wienerwald als ldf. Verwaltungsgebiet. Unsere Heimat IV/1931, S. 220, bringt eine Liste der Herren von Purkersdorf.)
Ob Purchart de Loup-pach auch Loup, d. h. Laab im Walde, gründete, wäre zu überprüfen. 81a)
(81a: Zu Louppe stellte Friedrich II. Urkunden für Freising aus. Fontes II/31, Nr. 140/141.)
10. Einflußnahme der salischen Könige.
Der deutsche König hatte sich 991 weder an der Ungarnschlacht beteiligt noch sonderliches Gesicht daraufgelegt, das eroberte Gebiet in seiner Hand zu behalten. Der Schutz des nördlichen Wienerwaldes war wie in der Karolingerzeit dem Bischof von Passau übertragen. Vom Tal der Kleinen Tulln aus arbeiteten die Grafen von Ebersberg und die Bischöfe von Freising an der Gewinnung des Wienerwaldhauptkammes.
Die Lage änderte sich grundlegend, als die Ungarn am 15. Februar 1042 den Wienerwald durchschlichen und das Gebiet an der Traisen verwüsteten. 82)
(82: MG SS rer. Germ. Annales Altah. maiores, ed. Öfele 1891, S. 29: „Ex utraque Danubii parte perrexit (rex Obo) terram Baioariorum spoliare, ipse rex in meridiana fluvii plaga cum innumero milite …Et, ut assolent Scalvi, euntes per silvas, lupina fraude semet occultarunt usque in locum quemm condixerunt. Incipientes igitur a flumine Treisama grassati sunt miseabili praeda … Hoc autem factum est feria secunda sexagesimae a primo crepusculo usque vespere. Dehinc circa Tullinam civitatem pernoctantes, in terram suam redierunt orantes“.)
In den folgenden Jahren führte König Heinrich III. dreimal das Reichsheer nach Ungarn. Dabei hielt er sich in unseren Gegenden auf und urkundete an der Perschling. Im Hinblick auf die militärische Lage und das bevorstehende Aussterben der Grafen von Ebersberg zog er große Gebiete entlang der Donaustraße bei Ybbs-Persenbeug, bei Markersdorf an der Pielach, an der Perschling und vor allem an den beiden Tullnbächen in den Jahren 1043 –1045 an sich. So erscheint Sieghartskirchen 1051 und 1058 83) als Reichsgut,
(83: 1051, MG DH III, 276. -
1058 Okt. 11, Urkunde im Hausarchiv der Salier in Speyer.)
Altlengbach als Königsparre. 84)
(84: Kirchenpatrozinium Simon und Juda. -
Noch zweihundert Jahre später behaupten die Pass. Urb. von Tulln: parscivitatis spectat ad imperium.)
In Freundorf sind noch 1078 85)
(85: Meiller, Bab. Reg. 10. 1. – Hat aber nicht die Bezeichnung ministerialis regni für Sigiboto von Bornheim ins Regest aufgenommen!)
Königslehen und Reichsministeriale nachzuweisen. Der Königswald südöstlich Hadersfeld nächst dem Wienerwaldkamm könnte auf diese Zeit zurückweisen.
Die Bestrebungen Heinrichs III. fanden während der vormundschaftlichen Regierung seiner zweiten Gattin Agnes von Poitou eine Unterbrechung, wurden aber von Heinrich IV. wieder aufgenommen. Der König wurde aber durch den Investiturstreit bald daran gehindert, weiter in dieser Gegend einzugreifen.
Ob die salischen Könige die Sicherung des Wienerwaldes oder des Gebietes zwischen diesem und der Traisen einem weltlichen Großen übertrugen, ist nicht überliefert. Die Babenberger kamen jedenfalls nach ihrer Einstellung zum Königshaus hiefür nicht in Betracht. Noch 1108 weilte Heinrich V. in Tulln.
Wie sich aus der Verfälschung der Königsurkunde von 998 ergibt, hat in der Folge einer der führenden Grundbesitzer an der Tulln, ein Rechtsnachfolger Engilrichs, die Sicherung der erwähnten Landstriche als königlichen Auftrag in Anspruch genommen und durch Interpolation in der Königskurkunde von 998 verankern lassen.
Es wurde in die Urkunde unter anderem der Satz eingefügt „et traysme clausuram habeat“, d. h. er möge auch die Landessperre an der Traisen ausüben.
Diese Interpolation wurde nach 1160 86)
(86: 1160 Gründung des Augustinerchorherrnstiftes St. Andrä an der Traisen durch die Herren von Traisen.)
im Kloster St. Andrä an der Traisen vorgenommen und später für ganz andere Zwecke ausgewertet. Als Auftraggeber kommen im 12. Jahrhundert nur die Hochfreien von Lengbach in Betracht, die St. Andrä zu ihrem Hauskloster machten und überdies das ganze Gebiet von der Traisen bis über die Wienerwaldkämme nach Osten durch ihre Burgen beherrschten. 87)
(87: R. Büttner, Burg u. Herrschaft Neulengbach.Mitt. der Kommission f. Burgenforschung Nr. 1/1951.)
Sie suchten – wie ich andernorts zeigen werde – in ihrem bekannten Streben nach Reichsunmittelbarkeit eine rechtliche Grundlage für ihre tatsächliche ausgeübte Machfülle zu schaffen. 88)
(88: Auch die jüngeren Lengbacher, landesfürstliche Ministeriale, beherrschten mit dem Lehensbesitz von Purkersdorf große Teile des Wienerwaldes. A. Schachinger, Unsere Heimat IV/1931, S. 221.)
Die babenbergische Verwaltungsorganisation des Wienerwaldes baute auf Einrichtungen der Lengbacher auf.
11. Spätzeiten
Für diese Arbeit endet die näher zu behandelnde Periode mit der Einführung der hochmittelalterlichen Form des Befestigungswesens, mit der Anlage der kleinräumigen Ritterburgen.
Die Frühformen der Burgen benützten vielfach Hausberge, also künstlich aufgeschüttete oder aus dem Gelände herausgeschnittene Erdhügel. Diese trugen einst kleine Burgen, die aber bei uns nicht aus Holz, sondern aus Quarzsandstein bestanden. Genaue Untersuchungen dieser Hausberge haben nämlich überall Steineinbauten nachweisen können. Dies gilt z. B. von den Hausbergen von Ober-St. Veit und Hadersdorf bei Wien und vom Buchberg bei Anzbach. Übergangsformen von den Hausbergen zu den reinen Steinburgen fanden sich in Kirchbach, Tulbing, Ried und Kogl am Nordwestfuß des Wienerwaldes. Eine Karte 89)
(89: H. P. Schad’n, Die Hausberge u. verwandte Wehranlagen in N.-Ö. 1:500.000. Mitt. Anthrop. Ges. Wien 30/1950.
Abschrift unter A Der (obere und untere) Hausberg im Register A 9.1.
UH. 1937, S. 128.)
und ausführliche Darstellungen der Hausberge verdanken wir Schad’n.
Die Dichte des Burgennetzes ergibt sich aus den folgenden Aufstellungen. 90)
(90: Speziell die Burgen des Wienerwaldes behandeln: F. Halmer, Der Wienerwald als wehrpolit. Raum im Mittelalter, Wien 1942. -
R. Büttner, Burg u. Herrschaft Neulengbach. Mitt. d. Kommission f. Burgenforschung 1/1951. -
Derselbe, Burgen u. Schlösser. Neulengbach 1951. -
Derselbe, Die Burgen des Wienerwaldes. In E. Arnberger-H. Wismeyer, Ein Buch vom Wienerwald. Wien 1952, S. 126)
An der Großen Tulln und ihren östlichen Zuflüssen finden sich bis zum Austritt des Flusses aus dem Hügelland folgende Wehrbauten: die Burgen Manzing, Altlengbach, die Wallburg Großenberg, die Burgen Unterturm (Vestenthurn), Vestenleithen, Neulengbach, Seebach, Wasen bei Anzbach, Haag bei Markersdorf, Inprugg, Asperhofen, 91)
(91: Büttner, Burgen u. Schlösser, bes. S. 27 –33.)
Siegersdorf, Plankenberg-Loibersdorf (erst seit 1647), 92)
(92: Landrechtsfaszikel B, Urk. 957 im n.-ö. Landesarchiv.)
Dietersdorf und Judenau. An der Kleinen Tulln lagen die Burgen Sieghartskirchen, Kogl, Rappoltenkirchen und Ried. Das Tullnerfeld säumten im Osten die Burgen Freundorf, Chorherrn, Tulbing, Hindersdorf, 93)
(93: Auf dem Hauptkamm des Wienerwaldes gelegen!)
Eisdorf, Altenberg und Greifenstein. An der Donauflanke lagen Kritzendorf, die Burg Kierling, Klosterneuburg und die Burg am Leopoldsberge. Im Tale des Wienflusses sind Purkersdorf, Mauerbach, Hadersdorf, Hacking und Ober-St. Veit als Burgen und Schlösser zu nennen. Weitere Burgen umgürteten die Stadt Wien. Zum Sandsteinwienerwald zählt noch die Burg Laab im Walde. 93a)
(93a: 1240 oppidum Loup BAB. UB II. 199. 15.)
In den Kranz dieser drei Dutzend Burgen am Rande des behandelten Teiles des Sandsteinwienerwaldes wird noch der zur Burgstadt entwickelten Siedlung Klosterneuburg ein besonderer Platz, den Wehrkirchen *) eine Nebenrolle einzuräumen sein.
*) Anmerkung Marktgemeinde, Andreas Bohnec, 19.6.2024:
Wehrkirchen in Niederösterreich – siehe im Register D 7.
Für den Donauverkehr bedeutsam waren die Burgen Greifenstein und Klosterneuburg. Für den ältesten Wienerwaldübergang, der die Kierling Furche benützt und zwischen Zeiselmauer-Klosterneuburg verläuft, war der Besitz der Burg Kierling entscheidend. Der Hohenwartberg bei St. Andrä dürfte mit einem mittelalterlichen Steinturm und ausgedehnten Erdanlagen weiter ausgebaut worden sein. Die Übergänge aus dem Tullnerfeld ins Mauerbachtal wurden durch die Burgen Tulbing, Mauerbach und Hadersdorf geschützt. Ausschlaggebend für den Verkehr über den Riederbergsattel waren die Burgen Ried und Purkersdorf. Die Wehrkirchen, Burgstädte und Burgenketten der Thermenlinie fallen aus den Rahmen dieser Skizze.
Dieses überraschend dichte Burgennetz hat seine Funktion, die Sicherheit der Straßen und den Schutz gegen Feinde zu gewährleisten, im Spätmittelalter im allgemeinen nicht zu erfüllen vermocht. Immer wieder 94)
(94: A. Schachinger, Der Wienerwald (umfassende Darstellung). Wien 1934.)
zogen fremdvölkische Heere, auch Kriegerscharen gegnerischer Landesfürsten, fehdelustige Landadelige und abgedankte, zügellose Söldnerscharen durch den Wienerwald. Warum die Burgenorganisation in einem derartigen Ausmaß versagte, ist noch nicht untersucht worden.
Im 15. Jahrhundert, der Periode der Hussitenkämpfe, der inneren Wirren und schließlich der ungarischen Besetzung, suchte man die unbefriedigende Leistung der Burgen durch verschanzte Lager, sogenannte Täber, zu ergänzen. Zuerst nannten die Hussiten ihr Lager nach dem Berg in Palästina Tabor. Kurzlebige Befestigungsanlagen entstanden in dieser Weise in Eisdorf, Höflein, bei Klosterneuburg, am Fuß des Leopoldberges und anderwärts. 1532 sind Verhaue beim Forsthof am Schöpfl, 1529, 1594 und 1683 bei Kaumberg, 1683 bei Greifenstein bezeugt. 95)
(95: A. Dachler, Verschanzungen im N.-Ö. Berichteu. Mitt. Altertumsverein Wien 44/1911, S. 52 – 53.)
In dieser Lage mußte der Landesfürst bestrebt sein, die alten Schanzen des Wienerwaldes instand zu halten.
Besonders die Schanzen am Hauptkamm des nördlichen Wienerwaldes weisen auf eine Benützung im Hoch- und Spätmittelalter. Ich verweise nochmals auf den Hohenwartberg.
Aber von einer systematischen Pflege der Verteidigungsanlagen verlautet nichts. Immer wieder mußte man von vorne anfangen und die alte Technik der Verhagung wieder anwenden, wobei auch der alte Name erhalten blieb. Zum 25. Juli 1461 heißt esi m Copeybuch der Stadt Wien, Herzog Albrecht habe „den Wiennerwald umb die stat verhagkt, damit wir von der stat aus über den Wald nicht mügen, das narung zu uns, noch von uns nicht komen mag.“ 1594 befahl Rudolf II., Verhaue an den Pässen „durch den Kaumberg“ anzulegen. 96)
(96: Notizenblatt 1857, S. 171.)
1605 drohten die Türken einzufallen. Es wurde eine Begehung des Wienerwaldes angeordnet. Danach sollte die Verhagung des Wienerwaldes vorgenommen werden. In einem Bericht darüber heißt es: 97)
(97: A. Scheiblin, Die Wandlungen des Wienerwaldes. Kleinbuchreihe Österreich Nr. 5, S. 5. -
J. Fuchs, Eine Türkenschanze UH 1936, S. 60)
„… und hat der Augenschein mit sich bracht, daß erstlichen im Häggenthal der erste, zue Mauerbach der ander und zue Purggerstorf der dritte Hauptpaß und die fürnemsten Landstraßen durch den Wienerwald seind.“ Fuchs fand im Wiental in Höhe de rBahnhaltestelle Purkersdorf-Sanatorium die Bezeichnung „Auf der Schanze“. Er beschreibt eine „Türkenschanze“ bei Hainbach im Mauerbachtal.
Es handelte sich um Straßensperren. Durch sie wurde der Wienerwaldübergang über die Kierlingsenke im Tal des Hagenbaches bei St. Andrä, die Übergänge am Tulbingerkogel bei Mauerbach, der Weg über den Riederberg bei Purkersdorf gesperrt. Die zuletzt genannte Route über den Riederberg, der „Poststeig“, drängte die übrigen Übergänge mehr in den Hintergrund, obwohl sich die Kartographen und Topographen der Zeit darüber nicht einig wurden. 98)
(98: Scheiblin, l. c. S. 4 ff.)
Der Weg durch das obere Wiental über den Sattel von Rekawinkel ins Anzbachtal und nach Neulengbach, der im Waldamtsurbar von 1572 nur mehr in den Flurbezeichnungen betont wird, scheint im 13. Jahrhundert größere Bedeutung gehabt zu haben. Die im Stadtrecht der Passauer Stadt St. Pölten von 1338 September 9 im Artikel 72 99)
(99: A. Hermann, Gesch. d. Stadt St. Pölten I, 1917, S. 58.)
betonten Mauthbegünstigungen der Bürger, die „durch den Wald“ ihre Waren nach Wien führten, in Ried oder Lengbach, gehen auf eine ältere landesfürstliche Privilegierung zurück. Sie setzen einen befahrbaren Verkehrsweg im Anzbachtal voraus.
Die Unsicherheit im Lande und besonders im Wienerwald war im Spätmittelalter groß. Noch Ferdinand I. ließ den Wald beiderseits der Landstraße durch den Wienerwald (Riederbergstraße) 15 Klafter tief abholzen. Eine Art von Forstpolizei von zwei Überreitern und acht Schützenstand „zue Behuet der Straßen im Wienerwald“ bereit.
Es kam auch zur Anlage von hölzernen Beobachtungstürmen, die den Benennungen Wacht- oder Wartberg zugrunde liegen: z.B. Hohenwart bei St. Andrä und nordöstlich Rappoltenkirchen. Mit Beginn der Neuzeit wurde das System der Warnstellen, der Kreidfeuer, 100)
(100: Grimm, Deutsches Wörterbuch V, Sp. 2137,mhd. krid, Zeichen zum Angriff (vgl. engl. to cry „schreien“). Andere Erklärungen bei Dachler.)
eingeführt, in das auch der Wienerwald einbezogen wurde. Die diesbezüglichen landesfürstlichen Patente stammen aus den Jahren zwischen 1529 und 1683. 101)
(101: Dachler, l. c. 60. -
J. Newald, Die Fluchtörter u. Kreudenfeuer in N.-Ö. zur Zeit der drohenden Türkeninvasion (1663). Bl. f. Landeskd. 17/1883, S. 259. -
G. Otruba, Die Kreudenfeuersicherung der Stadt Wien im 16. u. 17. Jahrhundert. Unsere Heimat 27/1956, S. 100.-
Derselbe, Zur Geschichte des Fernmeldewesens in Österreich. Jahresbericht 1955/56 des Technol. Gewerbemuseums Wien. -
Vgl. im Abschnitt 9 die Ortsnamen Rauchengern und Rauchenbuchberg. -
Warthof b. Hinterholz, OG. Kirchstetten.)
Für diese Kreidfeuer wurden je ein Platz in Westen, Norden und Osten des Wienerwaldes eingerichtet. Im Westen wechselten die Örtlichkeiten bei Neulgenbach: Almersberg (Albersberg, Olbersberg, Bilbersberg), Eselberg und Himmelreichberg. Im Norden kam das Plateau von Hadersfeld, insbesondere der Hochenberg in Betracht. Dem gleichen Zwecke diente der Leopoldsberg bei Wien, der damals Kahlenberg hieß. 1672 zeigt Vischers Topographie die Anlage eines Kreidfeuers bei Hadersfeld. Auch diese Einrichtungen, die nicht sorgfältig kontrolliert und instand gehalten wurden, versagten in der Türgengefahr.
Sehr aufschlußreich ist eine Relation des Grafen Wilhelm von Zinzendorf über eine Visitation der Wienerwaldpässe aus dem Jahre 1670. 102)
(102: Volgen nun die Päss: Erstlichen die Schanz am Wasser unterhalb des Schloss Greyffenstain, alwo die Strass von Closter Neuberg herauf gehet auf das Schloss Greyffenstain. Von dar uber den Weeg so von Greyffenstain nach Häderßfeldt geht, welcher gleich unterhalb des Schlosses vermacht und vom Schloss bestrichen und defendiert werden kann. Gradt hinüber auf die Höch alwo allzeit das Kreudenfeuer gewest. Auf der Höch hinumb bis auf die alte vor 40 Jahren gestandene Häckhenthaller Schanz, so oberhalb St. Andre ligt. Von Werthen aus zwischen Greyffenstain und St. Andre ist ein Weeg nach Häderßfeldt und Kirchbach, dieser kan auf der Höch auch gleichfalls vermacht werden.
An Dorf St. Andre ist ein Hauptpass und Weeg nach Wienn, zwar das Dorf von sich selber nicht, sondern die Enge des Weegs, dan 2 Musquetenschussweit von diesem Dorf auf der Höch ist ein Kogl, darauf ist vor 40 Jahren ein Schanz gestanden, die sowoll den Pass herunten als oben commandiert und bestraichen kan, ist auch ein einzigen Waagen braid herunten der Weeg herunter des Weegs eine grosse Tiefen und jenseyt ein hoher Riss. Auf welcher Höch dem Weingebürg nach alle die Weege, so zwischen St. Andre und Wolfpäßing,als da ist ein Weeg durch die Schillerin genant, item die Strass durch den Stainpichl nach Kürchbach, vermacht werden können. Von Wolffpäßing kan man widerumben auf der Höch hinumb durch die Wolffpäßing- und Königstetter Gmain den Wald verhauen und die Weeg, so zwischen Wolffpäßing und Königstetten hineingehen, als da sein: einer durch den Erzbach zwischen lauter Bergern, item einer auf die Haimbuchen, zu vermachen. Von Königstetten aus kan mann wiederumben als auf der Höch nach den Weingebürg, wie auch nach folgende Weeg, als das ist von Königstetten ein Fuesteig auf die Haimbuchen, dann ein Farthweeg auf Haimetwisen, alda ein weises Creuz und vor diesem ein Schanz gewesen, der Höhe nach Thulbing aldar auf der Höch wieder ein Creuz und Schanz gewest, ferner nach Kätzelstorf. Zwischen Kätzelstrof und Thulbing ein Weeg durch Herrnberg, item Hädlmislerberg und Lerchenberg, ferner nach Wilfersdorff von dar ein Weeg durch den Hirschgarten, so zu vermachen, nacher Ollern, von dar ein Fuesteig durch ein Gehülz Kirchgehrn genannt, nach Maurpach, so als auf der Höch zu vermachen. Dann zwischen Ollern wird da die ordinari Landstrassen von Sigetskirchen nach Maurpach und Purckhersdorf geht, dieser Weeg ist auch auf der Höch hinumb bis auf den Hauersteig, dan uber den Stainberg, ubern Thallernberg, durch die Haigenwisen, ubern Hirschgstürm, Schmölzgraben, Haggen an dem auf der Reckhawinkel wo die Jägerhäuser sein, und vor disen eine Schanz gewesen sein soll, von Kaltenberg hinumb auf den Schöpfel. Demnach auf die Koglmühl, alwo auch eine Schanz gewest und der Pass nach dem Khaumberg gehet, übr das Bächel an Hr. Prälaten von Lilienfeld Gebürg und auf den Pass Khüneckh genannt, so uber die Rambsaw geht, alles nach dem Lilienfeldischen hohen Gebürg bis auf das Closter Lilienfeldt.
N.-Ö. Landesarchiv, Ständische Akten E 3/12. -
Dazu A. Schachinger, Das kais. Waldamt, Jahrb. f. Lkd. 1944/1948, S. 177 ff.)
Eine teilweise Abschrift und den Online-Link zu Schachinger finden Sie im 1. Teil unter 03 Landesfürstliche Urbare... im Register Nr. 3.5.
Die Schützengräben, Unterstände und Geschützstellungen, die noch in den letzten beiden Weltkriegen, vor allem auf beherrschenden Höhen des Lainzer Tiergartens, angelegt wurden, erwiesen sich als ebenso nutzlos wie der älteren Anlagen des 17. Jahrhunderts.
So hat man zu allen Zeiten versucht, den natürlichen Schutz eines Waldgürtels, der heute noch an 50.000 Joch Wald umfaßt, auszunützen und zu verstärken. Schanzverhaue, Verhagungen und Wehrgräben trug der Wienerwald zu allen Zeiten. In der Großzügigkeit der Planung aber war die Zeit um das Jahr 1000 den späteren Perioden überlegen.
(Vorgelegt in der Sitzung am 21. November 1956.)
Druck von Adolf Holzhausens Nfg. Universitätsbuchdrucker, Wien
Befestigugnslinien des Wienerwaldes. Entworfen von R. Büttner. Gezeichnet F. Kolarik. (Karte).
Sie im Register 01 Karten, Bilder die Nummer "20_Befestigungslinien_Wienerwald"
Veröffentlicht am 15.8.2025